Katastrophenvorsorge hinkt Anforderungen oftmals hinterher

250 Millionen Menschen sind jährlich weltweit von Naturkatastrophen betroffen und im Zuge derer mit Katastrophen- und Aufbauhilfe beschäftigt.

Grund genug für 40 Nachwuchswissenschaftler verschiedener Disziplinen der Natur- und Sozialwissenschaften aus 28 Ländern im Rahmen der Potsdam Summer School (PSS) im September 2015 zusammenzutreffen. Die fachliche Organisation lag beim Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ).

In den naturwissenschaftlichen sowie politik- und sozialwissenschaftlichen Vorträgen standen die Möglichkeiten zur Minderung der Folgen von Naturgefahren im Mittelpunkt. Risikominimierung und gesetzliche Rahmenbedingungen sowie praktische Übungen in Kleingruppen haben den Teilnehmern Theorie und Praxis der Katastrophenvorsorge vermittelt. Sowohl Teilnehmer als auch Referenten kamen aus der Wissenschaft, Wirtschaft/Versicherungswirtschaft, Hilfsorganisationen, Nichtregierungsorganisationen und Behörden. Deshalb wurden persönliche Erfahrungen aus dem (beruflichen) Alltag der Katastrophenprävention und -bewältigung in verschiedenen Ländern diskutiert.

Katastrophenvorsorge lohnt sich, ist aber nicht immer populär.

Bei Naturkatastrophen wie dem Tsunami 2004 im Indischen Ozean sowie den Erdbeben in Haiti 2010 oder Nepal 2015 hätten durch vorbeugende Maßnahmen zahlreiche Menschenleben gerettet und der ökonomische Schäden reduziert werden können.

"Gemeinden und Regierungen beschäftigen sich nur ungern mit Katastrophenvorsorge. Politiker handeln selten auf wissenschaftlicher Grundlage und Forschungsergebnissen. Korruption, schlechte politische Strategien, Ignoranz und das Fehlen von erdbebensicheren Gebäuden sind die wichtigsten Gründe, warum Erdbeben in Katastrophen enden", sagt David Alexander, Professor für Risiko- und Katastrophenvorsorge am University College London.

Wann werden Naturgefahren zum Risiko für den Menschen?

Fehlende Resilienz (Widerstandskraft) gegenüber Naturgefahren hängt nicht in erster Linie vom Naturereignis ab, sondern ist ein sozioökonomischer und politischer Effekt. Es sind nicht die Erdbeben an sich, denen Menschen zum Opfer fallen. Es sind vor allem die zusammenstürzenden Gebäude. Der Grad der Vulnerabilität (Anfälligkeit) der Gesellschaften auf die Gefahren, macht ein Erdbeben oder ein Hochwasser erst zu einer Katastrophe.

Im Gegensatz zu geophysikalischen Gefahren wird das zerstörerische Potenzial einiger Naturereignisse stark vom menschlichen Verhalten und deren Einfluss auf die Umwelt verstärkt.

Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit Wetterphänomenen: Versiegelung von Böden und Begradigung von Flüssen verursachen Überschwemmungen, Zerstörung von Korallenriffen oder Mangroven-Wäldern erhöhen die Gefahr von Überschwemmungen und Tsunami. Naturkatastrophen können auch Folgen des Klimawandels oder der Ausbeutung von Land und Wasser sein. Der Klimawandel verursacht den Meeresspiegelanstieg und damit verbundene Gefahren, er erhöht das Auftreten von Extremwetter wie Dürren, Stürmen, Starkregen oder Tornados. Zudem werden durch Abholzung betroffene Landschaften anfällig für Massenbewegungen wie Erdrutsche.

Der Zusammenhang zwischen geowissenschaftlichen Aspekten und Politik und Wirtschaft.

Schäden durch Naturkatastrophen haben in den letzten Jahrzehnten exponentiell zugenommen: "Gründe sind nicht nur die steigende Zahl von Menschen, die in gefährdeten Bereichen leben, sondern auch die erhöhte Anfälligkeit moderner Gesellschaften und Technologien gegenüber Naturgefahren," erklärt Prof. Peter Höppe, Leiter der Abteilung GeoRisikoForschung bei der Münchener Rück in seinem Vortrag über die Rolle der Naturgefahren in der Versicherungsbranche.

Insbesondere in Entwicklungsländern sind durch Bevölkerungswachstum, die rasche Verstädterung und den konkurrierenden Anforderungen nach Naturressourcen immer mehr Menschen gezwungen, sich in durch Naturgefahren bedrohten Regionen niederzulassen:

In vielen erdbebengefährdeten Regionen ist die Bevölkerungsdichte hoch. Oftmals erfüllen Gebäude und Infrastrukturen nicht die erforderlichen Standards und Baunormen. Insbesondere Teilnehmer aus Entwicklungsländern brachten ihre persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen in die Diskussionen ein. So sind beispielsweise die Favelas (dichtbesiedelte Elendsviertel) von brasilianischen Megastädten oft an steilen Hängen gebaut und anfällig für Erdrutsche und Felsstürze. Neben der Lage birgt auch "der Mangel an Kommunikationsinfrastruktur für die Menschen ein hohes Gefährdungspotenzial", berichtet eine brasilianische Teilnehmerin, die als Beraterin des Bürgermeisters von Rio de Janeiro tätig war.

Todesopfer und wirtschaftliche Verluste könnten angesichts der wissenschaftlichen Erkenntnisse und verfügbaren modernen Techniken geringer sein. Politische Strukturen erlauben ihre Umsetzung allerdings häufig nicht. Ein Beispiel hierfür ist das Erdbeben in Nepal vom April 2015: Wissenschaftler waren sich des hohen Erdbebenrisikos im Himalaya bewusst. Ein Beben mit solch hoher Intensität wurde erwartet. Trotzdem haben nur einige Nichtregierungsorganisationen vorbeugende Maßnahmen in bestimmten Bereichen durchgeführt. Ein nepalesischer Teilnehmer, der sich mit der Katastrophenvorsorge in der Himalaya-Region beschäftigt, wies auf die schlechte Risikowahrnehmung in seinem Land sowie die ineffektive Risikovorsorge seitens der Regierung hin. 

Die Forschung über Naturkatastrophenprävention ist fortgeschritten, doch die Umsetzung dieser Kenntnisse hinkt oftmals u.a. wegen gegensätzlicher Interessen der Stakeholder (Interessensvertreter) hinterher. Regierungen, Hilfsorganisationen und die Öffentlichkeit beschäftigen sich oft nur noch mit den Folgen eines Naturereignisses, wenn es bereits zu einer Katastrophe gekommen ist. Erst dann werden die hohen Kosten und die lange Regenerationszeit des betroffenen Gebietes realisiert. Die Kosten für die Katastrophenvorsorge betragen jedoch häufig nur ein Viertel im Vergleich zu den Kosten der Schadensbehebung. Auf lange Sicht werden präventive Methoden nicht nur Leben retten, sondern auch wesentlich wirtschaftlicher sein. In der Politik und der Gesellschaft fehlt jedoch bislang häufig die Bereitschaft in die Vorsorge möglicher Ereignisse zu investieren, die im Zweifel niemals auftreten. Dies hat einen psychologischen Hintergrund: Wirksame Vorsorgemaßnahmen lassen die Schäden eines Naturereignisses geringer ausfallen. Und weil der Schaden nicht sichtbar ist, fragt die Öffentlichkeit nach der Verwendung des investierten Geldes.

Katastrophenmanagement beinhaltet die Förderung der risikoreduzierenden Aktivitäten und die technische Unterstützung sowie die Finanzierung in Bezug auf Schutzmaßnahmen sowie Monitoring-Netzwerke und Frühwarnsysteme. Weitere Aspekte sind die Fortbildung (Training) der Bevölkerung hinsichtlich des Risikobewusstseins und Richtlinien, wie im Falle eines Naturereignisses sowie katastrophenorientierte Regionalplanung und Aktivitäten, um das Selbsthilfepotenzial der betroffenen Bevölkerung zu erhöhen.

Diese Ziele stehen im Einklang mit der internationalen Politik wie dem "Sendai Framework zur Reduzierung von Katastrophenrisiken", vom März 2015, den "Sustainable Development Goals " und des "UNFCCC Klimaabkommens".
Die Teilnehmer der Potsdam Summer School sehen Katastrophenvorsorge und das Schaffen von Resilienz (Widerstandsfähigkeit) mit in ihrer Verantwortung   und als Teil einer nachhaltigen Entwicklung.

Text: Christina Bonanati*; GEOMAR, Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

*Teilnehmerin der Potsdam Summer School 2015

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