Zehn Jahre nach der Tsunamikatastrophe

Am 26.12.2004 hat ein Tsunami ganze Küstenregionen im Indischen Ozean verwüstet. Heute gibt es ein Frühwarnsystem.

Am 26.12.2004 um 07:58 Uhr Ortszeit (00:58 Weltzeit UTC) ereignete sich ein starkes Erdbeben der Stärke Mw 9,3 vor der Küste Indonesiens im Indischen Ozean. Innerhalb von wenigen Minuten riss über eine Distanz von 1.200 km, zu vergleichen mit der Entfernung von Frankfurt am Main bis Rom, der Ozeanboden auf.

Obwohl Indonesien immer wieder von Erdbeben erschüttert wurde, die auch in der jüngeren Vergangenheit Tsunami ausgelöst haben, war die Region auf ein solches Ereignis nicht vorbereitet. Es kam zur Katastrophe: über 230.000 Tote in Indonesien, Thailand, Sri Lanka, Indien, Tansania und weiteren Anrainerstaaten des Indischen Ozeans. Es fehlte nicht nur ein Frühwarnsystem, sondern auch Kommunikationswege und klare Verantwortlichkeiten.

Unter der Leitung des Deutschen GeoForschungsZentrums (GFZ) in Potsdam begannen deutsche Forschungseinrichtungen und Institutionen unmittelbar nach der Katastrophe, Indonesien beim Aufbau eines Tsunami-Frühwarnsystems zu unterstützen. Dabei hatten die Wissenschaftler nicht nur technische Hilfe im Blick, sondern sie unterstützten Indonesien auch dabei, organisatorische Strukturen auf der Verwaltungsebene zu schaffen sowie ein Bewusstsein in der Bevölkerung für das Risiko aufzubauen und Ausbildungs- und Trainingsmaßnahmen gemeinsam zu entwickeln.

In einem Interview mit der Wissensplattform "Erde und Umwelt" erklärt Dr. Jörn Lauterjung vom GFZ, welche technischen und organisatorischen Arbeiten in den vergangenen zehn Jahren gemeinsam mit indonesischen und deutschen Partnern umgesetzt worden sind.

Wie kam es dazu, dass gerade deutsche Wissenschaftler beim Ausbau des Tsunami-Frühwarnsystems Indonesien unterstützt hat?
Es war schon am 26.12.2004 beim Betrachten der Fernsehbilder klar, dass der Tsunami die Region völlig unvorbereitet getroffen hat. Wir haben daher umgehend überlegt, wie die Wissenschaft bei dieser Katastrophe mit einem Frühwarnsystem helfen kann und ein Konzept Anfang Januar 2005 der damaligen Bundesregierung vorgelegt. Sie hat der Finanzierung eines solchen Systems aus dem "Fluthilfetopf" zugestimmt. Das deutsche Angebot zur Mitarbeit beim Aufbau eines Frühwarnsystems hat schließlich Indonesien im Februar 2005 angenommen.

Welche Maßnahmen haben Sie zusätzlich zu der technischen Erfassung vonErdbeben und Tsunami und dem Aufbau eines Frühwarnsystems vor Ort in Indonesien in Angriff genommen?
Ein Frühwarnsystem kann nur so gut funktionieren wie die Warnungen, die herausgegeben werden, und durch die betroffenen Menschen dann auch umgesetzt werden. Ein entscheidender Anteil der Arbeit vor Ort in Indonesien waren deshalb auch unterschiedliche Schulungsmaßnahmen. Diese umfassten nicht nur das Training und die Ausbildung der Mitarbeiter zum Betrieb des Systems, sondern auch der betroffenen Bevölkerung in Form von Aufklärungskampagnen und Evakuierungsübungen. Darüber hinaus war die Arbeit mit den lokalen Behörden zur Vorbereitung von Katastrophenvorsorge-Maßnahmen, wie die Einführung von Gefährdungs- und Risikokarten sehr wichtig sowie der Aufbau von lokalen Katastrophenschutzorganisationen und die Erstellung von Evakuierungsplänen. Auch mit der Hotelindustrie, z. B. auf Bali wurden entsprechende Schulungen durchgeführt.

Sie sind jahrelang mehrmals nach Indonesien geflogen, haben Sie während einer der Reisen auch schon einmal ein Erdbeben erlebt?
Ich war sehr oft in der Region, habe aber nur ein Erdbeben erlebt, und das habe ich fast verschlafen. Während ein Kollege von mir in Jakarta in einem Bürogebäude durchgeschüttelt wurde, habe ich in einem Hotel auf der anderen Straßenseite nichts von dem Erdbeben mitbekommen. Erst ein Telefonanruf meines Kollegen machte mich darauf aufmerksam, und ich habe dann die entsprechenden Tsunami-Warnung nach 4 Minuten im Fernsehen mitbekommen.

Hat es nach 2004 weitere Tsunami in Indonesien gegeben?
Es hat nach 2004 eine Reihe von Tsunami gegeben, die aber nicht so verheerend waren. Dennoch sind im Jahr 2006 durch einen Tsunami einige 100 Menschen auf Java ums Leben gekommen. Allerdings war das Frühwarnsystem zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Betrieb. 2007 bei einem Beben und einem kleineren Tsunami vor Südsumatra hat das Frühwarnsystem dann erstmals eine Warnmeldung produziert. 2010 fand ein Erdbeben direkt vor den Mentawei Inseln (Sumatra) statt, der ausgelöste Tsunami war allerdings so schnell an der Küste wie die Warnmeldung, was auch die physikalischen Grenzen heutiger Frühwarnsysteme deutlich aufzeigt. Leider sind damals 400 Todesopfer zu beklagen gewesen. Das System hat dann noch vor einer Reihe kleinerer lokaler Tsunami gewarnt, zuletzt im November 2014.

Wie funktioniert jetzt eine Tsunami-Warnung?
Tsunami werden zu 90 bis 95 Prozent von Erdbeben unter dem Meer ausgelöst. Das heißt, zuerst muss bestimmt werden, wo und wann ein Erdbeben stattgefunden hat und ob das Erdbeben stark genug war, um einen Tsunami auszulösen. Kern des Systems ist deshalb ein Netz von Seismometern, das diese Informationen nach zwei bis drei Minuten liefert. Als nächstes schauen wir, ob sich die Erdkruste als Folge des Bebens verschoben und dadurch einen Tsunami ausgelöst hat. Das geschieht mit einem Netz von GPS-Stationen ebenfalls innerhalb von drei bis dreieinhalb Minuten (GPS: Global Positioning System, wie es auch in Navigationsgeräten zur Ortsbestimmung genutzt wird, Anm. d. Red.). Ein Entscheidungsunterstützungssystem gekoppelt mit einem Simulationssystem im Warnzentrum in Jakarta vergleicht die einlaufenden Daten mit ca. 3.500 vorberechneten Szenarien in einer Datenbank. So entsteht eine Prognose, wo die Welle wann wie hoch an Land kommt. Im Warnzentrum entscheidet dann jemand auf Basis dieser Informationen, ob eine Tsunami-Warnung ausgegeben wird. Diese Warnung wird auf verschiedenen Kommunikationswegen an die örtlichen Organisationen gegeben, die lokal z. B. Sirenen auslösen und Evakuierungsmaßnahmen anordnen, die Warnung wird über Fernsehen und Rundfunk verteilt. Das alles dauert fünf Minuten. So bleiben 15 bis 30 Minuten für Evakuierungsmaßnahmen. Wichtig in dem Zusammenhang ist natürlich, dass alle Beteiligten wissen, was in solch einem Warnfall zu tun ist. Deshalb werden inszwischen regelmäßig Übungen durchgeführt, um Abläufe zu trainieren.

Linktipp

Die Komponenten und die Funktionsweise des Frühwarnsystems können Sie hier nachlesen.

Das Interview führte Dr. Ute Münch, Wissensplattform "Erde und Umwelt"

Text, Fotos und Grafiken soweit nicht andere Lizenzen betroffen: eskp.de | CC BY 4.0
eskp.de | Earth System Knowledge Platform – die Wissensplattform des Forschungsbereichs Erde und Umwelt der Helmholtz-Gemeinschaft

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