Lahare in den Anden - gefährliche vulkanische Schlammströme

Lahare bahnen sich ihren Weg meist durch Flusstäler und können selbst weit entfernte besiedelte Gebiete erreichen.

Nahezu alle aktiven Vulkane der Anden sind mit Gletschern oder Schnee bedeckt. Genau dieses potentielle Wasserangebot macht Lahare dort so wahrscheinlich, und gleichzeitig zu einem der gefährlichsten, vulkanischen Phänomene. Lahare sind Schlammströme, die von der Schwerkraft getrieben sind. Sie bestehen aus einer hochkonzentrierten Mischung aus Wasser und lockerem Gesteinsmaterial. In der Natur finden sich sämtliche solcher Mischungsverhältnisse zwischen vulkanischem Lockermaterial und Wasser. Das Spektrum reicht von trockenen Gerölllawinen, über Mischungen, die sich wie frisch angerührter Beton verhalten, bis hin zu dünnflüssigen Strömen, die wie Wasser fließen. Verschiedene Prozesse führen zu Laharen. Bei explosiven Eruptionen sind es die bis 800 °C heißen pyroklastische Dichteströme, durch die Schnee und Eis plötzlich schmelzen. Aber auch ruhig ausfließende Lava kleinerer Vulkanausbrüche verursachen Lahare. Besonders gefährlich und unberechenbar macht sie, dass sie auch unabhängig von Vulkanausbrüchen, beispielsweise durch geothermische Aktivitäten, den Dammbruch eines Kratersees oder auch nur in Verbindung mit starkem Regen entstehen können.

An Vulkangipfeln können Lahare unbemerkt entstehen

Hat die Masse aus Wasser, vulkanischem Lockergestein und Festgestein und Eis eine hohe Dichte erreicht, kann sie gewaltige Gesteinsblöcke mit Durchmessern von bis zu 9 Metern tragen und ganze Bäume mit sich reißen. Lahare bahnen sich ihren Weg zunächst durch Flusstäler, können aber auch über die Ufer treten und sich weit in umliegende Täler ausbreiten. Die hoch energetischen Ströme sind äußerst mobil. Ein Lahar kann im Extremfall bis zu 180 km/h schnell und bis zu 300 km weit fließen. An Vulkangipfeln können sie unbemerkt entstehen und viele Kilometer entfernt dann die Menschen und Infrastruktur überraschen. Im nördlichen Teil der Anden, beim Ausbruch des Nevado del Ruiz in Kolumbien, begrub 1985 ein Lahar die 50 km entfernt gelegene Stadt Armero. Damals wurden 25.000 Menschen der Region in den Tod gerissen als ein 1,5 km breiter Schlammstrom die schlafende Stadt überrollte. Im Zusammenhang mit Vulkanismus in den Anden, forderten Lahare im 20. Jahrhundert die meisten Todesopfer und zogen die größte Zerstörung nach sich.

Lahare am Vulkan Calbuco in Folge der Eruption in 2015

Ein nicht lange zurückliegendes Beispiel ist der Ausbruch des 2.000 Meter hohen Stratovulkans Calbuco in den südlichen Anden. Der Calbuco liegt östlich der Städte Puerto Montt mit 240.000 Einwohnern und Puerto Varas mit 33.000 Einwohnern. Dieser Stratovulkan ist mit 13 Eruptionen, die seit Ende des 19. Jhd. erfasst wurden, äußerst aktiv. Beim letzten Ausbruch am 22. und 23. April 2015 wurde eine 17 Kilometer hohe Eruptionssäule erzeugt, die sich nach Nordosten ausbreitete. Bis zu 40 Zentimeter mächtige Tephra-Ablagerungen ließen sogar einige Hausdächer einstürzen. In Südchile und Argentinien war der Flugverkehr eingeschränkt. Durch den Kollaps der Eruptionssäule entstanden pyroklastische Dichteströme (Glutlawinen), die zu vielen Seiten des Vulkans sechs Kilometer weit herunterströmten. Am Gipfel des Vulkans brachten die pyroklastischen Dichteströme Gletschereis und Schnee zum Schmelzen und lösten direkt nach der Eruption und selbst noch einige Wochen später weiter unten am Vulkan Lahare aus. Diese strömten an den südlichen, nördlichen und nordöstlichen Flanken des Berges herunter und erreichten sogar die umliegenden Seen in 15 Kilometer Entfernung. An der Südflanke des Vulkans wurden einige Bauernhäuser und eine Fischfarm zerstört.

Was macht Lahare für die Menschen in den Anden so gefährlich?

Der Bevölkerungsdruck zwingt Menschen immer mehr in der Umgebung von Vulkanen zu siedeln. Um die Bevölkerung vor Ort über Vulkangefahren aufzuklären und rechtzeitig warnen zu können, sind Gefahrenkarten nötig, in denen gefährdete Zonen und mögliche Fluchtwege eingezeichnet sind. Die Grundlage solcher Karten bilden genaueste Untersuchungen der Ablagerungen früherer Vulkanausbrüche. Vor der Katastrophe am kolumbianischen Vulkan Nevado del Ruiz waren die Gefahrenzonen nicht genau abgesteckt. Der verheerende Lahar war jedoch geschätzt zwei Stunden lang unterwegs, bevor es zur Katastrophe kam. Genug Zeit, um die Menschen zu warnen und die Stadt rechtzeitig zu evakuieren.

Cities on Vulcanoes - Konferenz

Um solche Katastrophen in Zukunft zu vermeiden fand im November 2016 die internationale Konferenz „Cities on Vulcanoes“ speziell zu Städten an aktiven Vulkanen statt. Tagungsort war die Stadt Puerto Varas in unmittelbarer Nähe des Vulkans Calbuco in Chile. Etwa 600 Wissenschaftler nahmen teil, darunter auch Wissenschaftler der Helmholtz Gemeinschaft, aber auch lokale Vertreter von Kommunen oder des Katastrophenschutzes. Fokus der Konferenz waren Vulkanprozesse, -risiken und deren Auswirkung auf die Gesellschaft und Mitigation. Dabei wurden nicht nur naturwissenschaftliche Erkenntnisse, sondern auch sozioökonomische, politische, kulturelle und ökologische Aspekte diskutiert. Viele Präsentationen hatten auch einen Schwerpunkt auf Wissenstransfer mit der lokalen Bevölkerung und Entscheidungsträgern.

Literaturhinweise

  Castruccio A et al. (2016): Eruptive parameters and dynamics of the April 2015 sub-Plinian eruptions of Calbuco volcano (southern Chile). Bull Volcanol (2016) 78: 62. DOI: 10.1007/s00445-016-1058-8.
  Segura A et al. (2015): Fallout deposits of the 22-23 April 2015 eruption of
Calbuco volcano, Southern Andes
. XIV Congreso Geologico Chileno.
  Castruccio A and Clavero J (2015): Lahar simulation at active volcanoes of the Southern Andes: implications for hazard assessment. Nat Hazards 77: 693–716.
DOI:10.1007/s11069-015-1617-x
  Irribarren P and Norton K P (2014): Hazardous processes and events from glacier and permafrost areas: Lessons from the Chilean and Argentinean Andes. Earth Surface Processes and Landforms. DOI: 10.1002/esp.3524.

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