Viele Meeresbewohner fressen inzwischen kleinste Plastikpartikel

Muscheln und Seepocken filtrieren ihre Nahrung aus dem Meerwasser. Leider besteht diese nicht nur aus Plankton, sondern heutzutage oftmals aus Mikroplastik.

Fressen Seevögel oder Fische Teile einer Plastikflasche oder -tüte ist der Magen zwar voll, dennoch verhungern die Tiere, da sie keine Nahrung aufgenommen haben, sondern Müll. Das Problem ist seit vielen Jahren bekannt und hat zumindest in Europa zu einem deutlich besseren Müllmanagement geführt. Deponien wurden so gesichert, dass kaum mehr Plastikmüll von dort durch Wind und Regen über die Flüsse ins Meer eingetragen wird. In vielen Entwicklungsländern fehlen allerdings solche gesicherten Deponien, so dass der Eintrag an Plastikmüll insbesondere aus den Pazifikanrainerstaaten immer noch zunimmt. Großangelegte Säuberungsaktionen wie das Errichten von schwimmenden Barrieren oder das Wegfischen von Plastikmüll im offenen Ozean sind allerdings nicht nur kostspielig, sondern auch strittig, da dadurch viele driftende und fragile Lebewesen (Quallen, Salpen, pelagische Schnecken, Larven, Fischeier) an den Barrieren zerquetscht werden. Auch würde organisches Treibgut (Holz, Algen) und damit auch Tiere die daran leben, weggefischt.

Aber nicht nur der grobe Plastikmüll (Makroplastik) ist eine enorme Belastung für die Ozeane, sondern auch das Mikroplastik, also kleinste Partikel (< 5 mm), die entweder aus der Zersetzung größerer Plastikprodukte entstanden ist oder aus Kosmetikprodukten und Kunstfasertextilien über das Abwasser ins Meer gespült werden. Vermeiden lässt sich dieser direkte Eintrag dieser Fasern ins Meer auch in Europa so gut wie nicht, denn für Klärwerke sind diese Partikel zu klein, so dass sie nicht herausgefiltert werden können.

Um zu untersuchen, welche Auswirkungen aber dieses Mikroplastik insbesondere auf kleine Lebewesen wie Muscheln, Schnecken oder auch Würmer hat, haben Wissenschaftler des GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel Labor- und Freilandversuche im Rahmen des Forschungsprogrammes GAME (Global Approach by Modular Experiments) konzipiert und durchgeführt. Für diese kleinen Tiere, die Nahrung wie Plankton entweder aus dem Meerwasser herausfiltern (Filtrierer) oder, die die Ablagerungen am Meeresboden fressen (Depositfresser), ist der zunehmende Plastikmüll im Meer ebenfalls ein enormes Problem. In der Nahrungskette stehen diese (wirbellosen) Kleinlebewesen ziemlich weit unten. Es ist daher essentiell zu wissen, wie sich die Aufnahme von Mikroplastik und sich daran anlagernde Schadstoffe wie Ölrückstände auf diese Organismen auswirkt. Ebenfalls ist es wichtig zu wissen, ob und wenn ja wie sich mögliche Schädigungen dieser Lebewesen im weiteren Verlauf der Nahrungskette, auch auf höhere Lebewesen (Wirbeltiere) wie Fische, Vögel oder auch uns Menschen auswirken können.

Forschungsfragen, die die Wissenschaftler besonders interessierten

  • ob sich negative Auswirkungen von Mikroplastikpartikeln auf am Boden lebende Filterierer und Depositfresser nachweisen lassen?
  • Ab welcher Belastung des Sediments mit Mikroplastik nachweisbare Auswirkungen auftreten?
  • Und ob die unterschiedlichen Tiergruppen bzw. Ernährungstypen (Filtrierer/Depositfresser) unterschiedlich auf den Konsum von Mikroplastik reagieren

Zwar sind die Versuchsergebnisse sehr unterschiedlich, da Filtrierer bzw. Depositfresser durch die unterschiedliche Nahrungsaufnahme Mikroplastik und/oder Schadstoffe aufnehmen, dennoch zeigen die Ergebnisse generell, dass die feinen Kiemensysteme der Tiere durch die Partikel mechanisch verletzt bzw. verschmutzt werden können und zusätzlich die aufgenommenen Schadstoffe die Tiere schädigen können, da sich die schädlichen Stoffe in Gefäßsystemen und Körperzellen anlagern können. Für die Tiere können diese Schädigungen entweder die weitere Nahrungsaufnahme, die Fortpflanzung oder auch die Atmung stark beeinträchtigen.

Vor allem durch Langzeitstudien muss deshalb zukünftig untersucht werden, wie sich die Aufnahme von Plastik über längere Zeit auf die physiologische Leistungsfähigkeit und den Fortpflanzungserfolg von wirbellosen Tieren wie Muscheln und Schnecken auswirkt. Die Folgen für marine Ökosysteme könnten schließlich gravierend sein, da beispielsweise Wattwürmer und Miesmuscheln wichtige Ökosystemfunktionen wie die Filterung des Meerwassers oder die Lockerung des Untergrundes erfüllen. Außerdem stellen die Tiere eine wichtige Nahrungsquelle u.a. für Seevögel, Fische oder auch den Menschen dar.

Der Versuchsaufbau und die vollständigen Ergebnisse sind dem Abschlussprojekt GAME XII zu entnehmen.

Linktipps:

 Abschlussberichte der GAME-Projekte des GEOMAR, Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.
 Filmdokumentation des GAME-Projektes
  Blog mit aktuellen Infos über das GAME-Projekt
  Welche Auswirkungen hat Plastik auf einzelne Tier- und Pflanzenarten? | Beitrag im ESKP-Themenspezial "Plastik in Gewässern"

Text, Fotos und Grafiken soweit nicht andere Lizenzen betroffen: eskp.de | CC BY 4.0
eskp.de | Earth System Knowledge Platform – die Wissensplattform des Forschungsbereichs Erde und Umwelt der Helmholtz-Gemeinschaft

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