Subjektive Hitzebelastung im Alltag

Hitze in der Stadt ist nicht für jeden der Traum vom Sommer - Einflussfaktoren, Bewältigung und Anpassung.

Hitzewellen und der aus ihnen für die Bevölkerung folgende Hitzestress sind angesichts der in Europa künftig sehr wahrscheinlich häufiger, länger und intensiver auftretenden Hitzewellen (IPCC 2013) in den letzten Jahren ein immer wichtigeres Thema geworden. Die katastrophalen Auswirkungen von Hitze wurden während der fast zweiwöchigen Hitzewelle im August 2013 mit Temperaturen an die bzw. über 40°C auch in Deutschland deutlich: damals starben in ganz Europa schätzungsweise 70.000 Menschen an den Folgen der Hitze (Robine et al. 2008). In Städten ist die Bevölkerung während Hitzewellen wegen des städtischen Wärmeinseleffektes den hohen Temperaturen und deren möglichen negativen gesundheitlichen Auswirkungen besonders ausgesetzt. Dementsprechend sind Vorsorgemaßnahmen zur Vermeidung von Hitzefolgen ein wichtiges Thema in urbanen Anpassungsstrategien an den Klimawandel.

Um die Erfahrungen mit Hitzebelastung im Alltag von Stadtbewohnern bei der Entwicklung von Anpassungsmaßnahmen berücksichtigen zu können, befragten Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) Bewohner der Stadt Karlsruhe zur subjektiven Hitzebelastung im Alltagskontext und deren Einflussfaktoren auf sie. Im Unterschied zu biometeorologischen Indizes, die meteorologische Informationen wie Temperatur und Luftfeuchte zu einem Maß für den physiologischen Hitzestress kombinieren, bezieht sich "subjektive Hitzebelastung" auf die individuelle Selbsteinschätzung der Befragten, inwieweit sie die Hitze als Belastung empfunden haben. Die Befragung fand im Sommer 2013 in Kooperation mit dem Süddeutschen Klimabüro am KIT und dem Seniorenbüro der Stadt Karlsruhe im Anschluss an eine Hitzeperiode, in der die Temperaturen einige Tage über 35°C lagen, statt. Die Studie wurde im Rahmen der Klimainitiative REKLIM durchgeführt. Insgesamt nahmen an der Befragung 428 Personen im Alter von 17-94 Jahren teil, die in Karlsruhe wohnen oder dort arbeiten. (Die Ergebnisse der Studie sind hier veröffentlicht).

Die Befragten gaben insgesamt recht hohe subjektive Hitzebelastung während der vorangegangenen Hitzeperiode an. Dabei haben sie die Hitze jedoch nicht in allen Alltagssituationen gleichermaßen als Belastung erlebt. Zu Hause in der Wohnung wurde die Hitze erträglicher erlebt als bei der Arbeit (Abb. 1, s. Bildergalerie oben). Dort muss die Hitze nicht nur körperlich ertragen werden, sondern es gilt auch, den Anforderungen des Arbeitslebens zu entsprechen – trotz hitzebedingter Konzentrationsschwierigkeiten, Schlappheit und Müdigkeit infolge von Schlafproblemen durch mangelnde nächtliche Abkühlung. Dies sind neben übermäßigem Schwitzen die am häufigsten genannten Beeinträchtigungen durch die Hitze (Abb. 2, s. Bildergalerie oben).

Die Befragten haben viele Maßnahmen ergriffen, um die Hitze zu bewältigen und die Belastung durch die Hitze zu lindern. Dabei haben sie häufiger leicht in den Alltag integrierbare Maßnahmen z.B. viel Trinken, Tragen leichterer Kleidung und Lüften / Verdunkeln umgesetzt als solche Maßnahmen, die Alltagsabläufe selbst verändern und damit eine gewisse Flexibilität erfordern, wie zu anderen Tageszeiten aktiv sein oder arbeiten (Abb. 3, rechts).

In einer Auswertung der 323 Befragten, die in Karlsruhe wohnen, wurden die Einflussfaktoren auf die subjektive Hitzebelastung untersucht. Hieraus ergaben sich zwei maßgebliche Einflussfaktoren auf die subjektive Hitzebelastung sowohl im Allgemeinen, zu Hause als auch bei der Arbeit: die gesundheitliche Beeinträchtigung durch die Hitze und das Gefühl, der anhaltenden Hitze gegenüber ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Für die subjektive Hitzebelastung zu Hause sind außerdem noch verschiedene Aspekte des urbanen Wohnumfelds und des bewohnten Gebäudes maßgeblich. Eine geringere thermische Belastung des bewohnten Stadtteils, eine Wohnung im Erdgeschoss bzw. den niedriger gelegenen Stockwerken, am Gebäude vorhandene Hitzeschutz (Roll-/ Fensterläden, Abschattung für Dachfenster), ein höherer thermische Standard des Gebäudes sowie das Vorhandensein von direkt zugänglichen Aufenthalts- und Erholungsmöglichkeiten im Freien (Garten, Terrasse, Balkon) sorgen für eine niedrigere subjektive Hitzebelastung.

Die Befragungsergebnisse machen für die Anpassung an Hitzewellen deutlich, dass Maßnahmen wie Hitzeschutz und Wärmedämmung an Gebäuden die subjektive Hitzebelastung schon jetzt spürbar senken. Zudem zeigt sich anhand der Maßnahmen, die die Befragten umgesetzt haben, dass sie die Hitze innerhalb der bestehenden Alltagszwänge und der im jeweiligen (Berufs-)Leben vorhandenen Handlungsspielräume bewältigen. Insbesondere aus den Ergebnissen zur subjektiven Hitzebelastung bei der Arbeit wird auch deutlich, dass die Entwicklung von Anpassungsmaßnahmen an künftig häufigere Hitzewellen im Alltag nicht nur ein Thema für den Bereich "Wohnen", sondern auch für den Bereich "Arbeiten" sind.

Quellen

  Kunz-Plapp, T., J. Hackenbruch, J.W. Schipper, 2016: Factors of subjective heat stress of urban citizens in contexts of everyday life, Natural Hazards and Earth Systems Sciences, 16, 977-994, doi:10.5194/nhess-16-977-2016.
  IPCC Intergovernmental Panel on Climate Change: Climate Change 2013: The Physical Science Basis. Contribution of Working Group I to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change [Stocker, T.F., Qin, D., Plattner, G.-K., Tignor, M., Allen, S.K., Boschung, J., Nauels, A., Xia, Y., Bex, V., and Midgley, P.M. (eds.)]. Cambridge University Press, Cambridge, United Kingdom and New York, NY, USA, 1535 pp, doi:10.1017/CBO9781107415324, 2013.
  Robine, J.-M., Cheung, S. L. K., Le Roya, S., van Oyen, H., Griffiths, C., Michel, J.-P. and Herrmann, F. R.: Death toll exceeded 70,000 in Europe during the summer of 2003, C. R. Biologies 331, 331, 171–178, doi:10.1016/j.crvi.2007.12.001, 2008.

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