FridaysForFuture: Digitalisierung macht Protest wissenschaftlicher

Gastbeitrag von Dr. Gregor Hagedorn von Scientists for Future: Dank FridaysForFuture steht die Erdsystemforschung, die wissenschaftliche Auskunft über die Grenzen der Belastbarkeit unseres Planeten geben kann, im Mittelpunkt öffentlicher Debatten. Die Digitalisierung unterstützt diese Entwicklung, führt aber auch zu Kommunikations- und Verständnisproblemen.

  • Die Dynamik der FridaysForFuture-Bewegung wurde und wird politisch unterschätzt.
  • Das hat auch damit zu tun, dass Politik und gesellschaftliche Eliten digitale Kommunikationsformen unzureichend verstehen.
  • In der digitalen Welt geht es nicht um Akkumulation, sondern um Vernetzung und Teilen von Informationen.
  • Beides zusammen fördert eine rationale und lösungsorientierte politische Bewegung, welche global gerecht die Möglichkeiten eines guten Lebens in der Zukunft einfordert.

Die Erdsystemforschung steht im Moment im Mittelpunkt politischer Auseinandersetzungen: Am 24. Mai waren in über 120 Ländern und 1660 Städten insgesamt 1,6 Millionen vorwiegend junge Menschen auf der Straße und forderten wirksame Maßnahmen zur Bewahrung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, insbesondere einen Stopp der globalen Erwärmung.

Viele Politiker und Entscheidungsträger hatten die Dynamik des Themas drastisch unterschätzt. So wurden die weltweiten Klimastreiks anfangs als „Schuleschwänzen“ diskreditiert und später wahlweise diffamiert, verniedlicht oder zu vereinnahmen versucht. Dabei wurde übersehen, dass hier eine Bewegung die alte Gerechtigkeitsfrage nach dem Verhältnis zwischen den Generationen neu stellt – und zwar auf der Basis wissenschaftlicher Fakten.

Ein tiefgreifendes Kommunikationsproblem

Wie weltfremd die Politik auf Kritik junger Menschen reagiert, zeigte sich auch am Beispiel des am 18.5.2019 veröffentlichten Videos des Youtubers „Rezo”. Anstatt auf die inhaltliche Kritik zu reagieren, beschäftigte sich die Politik mit Fragen zur Person, zur Form oder sogar mit der Frage, ob solche angebliche Wahlbeeinflussung außerhalb der national organisierten Massenmedien des Rundfunks und der großen Verlagshäuser noch von der Meinungsfreiheit gedeckt sei.

Diesen Videoclip für das schlechte Abschneiden der Volksparteien verantwortlich zu machen, setzt allerdings auf Vergesslichkeit. Bereits seit Oktober 2018 hatte es immer wieder ähnliche Ergebnisse bei Wahlumfragen gegeben. Und seit Monaten kursierten Hashtags #niewiederCDU, #niewiederSPD und #NoAfD in den sozialen Medien. Die Debatte um Art.13/Upload-Filter, um Klimaschutz und CO2-Bepreisung, das Taktieren um das nationale Klimaschutzgesetz oder die (fehlende) Reform der EU-Agrarpolitik – all das war Monate vor der Wahl Gegenstand heftiger Diskussionen in den sozialen Medien. Der Vertrauensverlust hätte den Parteien schon lange bekannt sein können und müssen.

Die Versuchung, sich lieber mit Sender und Form der Botschaften als mit den Inhalten selbst zu beschäftigen, ist nachvollziehbar. Sie führt jedoch bei vielen Entscheidungsträgern zu Realitätsferne. Zweifellos: Ohne geschickte Kommunikation, ohne den richtigen psychologischen „Dreh“ oder „spin“ kommen Parteien nicht mehr an die Macht. Doch die fast bedingungslose Orientierung hin auf Meinungsumfragen erzeugt ein inhaltliches Vakuum, eine Verleugnung von Fakten und eine Handlungsunfähigkeit in Bezug auf die Zukunftssicherung der jüngeren Generationen.

Um den Fokus stärker auf die wissenschaftlich begründeten Argumente der Klimaschutzbewegung zu rücken, wurde die ScientistsForFuture-Initiative im Februar 2019 gegründet. Mehr als 26 800 Wissenschaftler*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz unterschrieben bis Mitte März eine wissenschaftliche Stellungnahme (Hagedorn et al. 2019), welche sich mit den Argumenten der FridaysForFuture- (Österreich und Deutschland) bzw.  Klimastreikbewegung (Schweiz) auseinandersetzt.

Digitalisierung der Kommunikation

Die Digitalisierung der Kommunikation trägt zweifellos zu dem Erfolg der Bewegung bei. Sie verändert das Informations- und Kommunikationsverhalten der Gesellschaft. Hier müssen wir alle neu lernen, nicht nur die Politik.

Digitalisierung betrifft zunächst neuen und vielfältigen Zugang zu Informationen durch veränderte Kostenstrukturen: Open Access für wissenschaftliche Publikationen (also eine kostenlose Leseerlaubnis auch außerhalb der großen Wissenschaftsinstitutionen), eine allen Bürgerinnen und Bürgern zugängliche Wissenschaftskommunikation und die Suchmöglichkeiten im Internet verändern die Möglichkeit, sich zu informieren. Wissenschaftliche Ergebnisse, die in den 1970er-Jahren noch quasi als “Geheiminformationen” in Umweltkreisen zirkulierten, sind nun allen bekannt oder nur wenige Mausklicks entfernt.

Gerade die neuen Bewegungen zeigen dabei, dass es ein Missverständnis ist, OpenAccess als innerwissenschaftliches Problem zu betrachten. Es geht hierbei nicht darum, dass tatsächlich alle Bürger*innen alle wissenschaftliche Information lesen müssen. Genau wie nur wenige Wissenschaftler*innen, werden auch nur wenige Bürger*innen eine Publikation lesen. Aber ein Zugang für Wissenschaftler*innen und ein Ausschluss von Praktiker*innen, Politiker*innen, Lernenden, Schüler*innen oder Youtube-Stars ist nicht zeitgemäß. Die alten Grenzen von „innen“ und „außen“ von Wissenschaft existieren in einer komplexen demokratischen Gesellschaft nicht mehr.

Dank des schnellen digitalen Informationszugangs sind den Protestierenden zum Beispiel die Breite und Größe der Herausforderungen gut bekannt. Sie stellen Nachhaltigkeitsfragen auch jenseits der Klimakrise und sind sehr schnell und aktuell informiert. Zum Beispiel wurde der kurz von den Europawahlen erschienene Bericht des Welt-Biodiversitätsrates (IPBES) rasch aufgenommen. Dieser stellt fest, dass wir uns in einem, vom Menschen verursachten, sechsten Massenaussterben der Erdgeschichte befinden, dessen Ursachen mit der Klimakrise verwandt sind: die ungezügelte, häufig verschwenderische Übernutzung des Erdsystems durch Umwandlung von Land- und Ozeanökosystemen für die Produktion von Nahrung, Rohstoffen, Siedlungs- und Verkehrsflächen und die Intensivierung der Agrarwirtschaft, einschließlich der Zerstörung der Tropenwälder.

Digitalisierung ist über Informationszugang hinaus aber wesentlich auch die Vernetzung von Informationen. Diesbezüglich sind Entscheidungsträger in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft jedoch oft in einem unzureichenden Konzept von Digitalisierung als leicht zugänglicher Information (“Information at your fingertips”) gefangen. Sie fördern gerne die Objektdigitalisierung von Sammlungen und Archiven und schwärmen von in „digitalen Silos“ angehäuften Forschungsrohdaten als „Big-Data“. Als ob es darauf ankäme, wie viele Lexika jemand im Schrank hat! Wissen und Handlungsfähigkeit entstehen durch Verknüpfung, Ausprobieren und Erfahrung – nicht durch Akkumulation von Informationen. Dennoch werden Elemente der Wissenschaftskommunikation wie zum Beispiel Wikipedia und Wikidata, welche isolierte Informationen kontextualisieren und zu einem Wissensnetz verknüpfen, häufig nicht gefördert – zum Beispiel mit dem Argument, diese würden ja nur „bereits Bekanntes wiederholen“). Die 20 Jahre alte Erkenntnis, die Google erfolgreich gemacht hat, dass Verknüpfungen wichtiger sind als (Stich-)Worte in Webseiten (siehe PageRank Algorithmus), ist in vielen Leitungsebenen bis heute nicht angekommen.

Entscheider verstehen durchaus, dass Wissen im Diskurs entsteht. Aber manche haben ein starres Konzept von Menschen als Informations- und Wissensträger (so wie sie sie selbst), welche sich in persönlichen Begegnungen vernetzen (so wie sie selbst). So fördern sie zu Recht persönliche Begegnungen, übersehen jedoch, dass echte Begegnungen und Diskussionen längst auch im Digitalen stattfinden. Vielleicht, weil es bei jenen, welche unablässig klimazerstörend für persönliche Gespräche durch die Welt fliegen, kaum eine Rolle spielt. So reagieren sie mit Unverständnis, wenn eine vernetzte Jugend im Dialog untereinander Befindlichkeits- und Gerechtigkeitsfragen stellt, sich – sozial und wissenschaftlich vernetzt – ein gemeinsames Verständnis der Welt erarbeitet, inhaltsleere Scheingefechte durchschaut, faktenbasiert argumentiert und vom Verständnis zum Handeln kommt.

Digitalisierung der Demonstration

Digitale und physische Interaktion werden von jungen Menschen häufig nicht als zwei Welten gesehen, sondern als Teil eines völlig selbstverständlichen Kommunikationskontinuums. Ein spannendes Beispiel ist das relative neue Verständnis der „Demonstration an vielen Orten“, welches typisch für die Demonstrationen der Klimabewegung ist. Die physischen Demonstrationen auf der Straße an hunderten von Orten werden digital zu einem virtuellen Ereignis gebündelt. Durch Hashtags zu einen gemeinsamen Stream von Text, Fotos und Videos vereint, entsteht eine sehr reale virtuelle Demonstration mit einer gemeinsamen Teilnehmerzahl. Es ist interessant, dass auch traditionelle Nachrichtenmedien dieser Erzählung inzwischen folgen und die “Ereignisse vieler Orte” akzeptieren.

Ausblick

Digitalisierung ändert unsere Welt. Digital unterstützt und befähigt, lassen sich junge Menschen heute nicht mehr einfach damit ruhigstellen, dass man behauptet, es sei bei der Sicherung unserer Lebensgrundlagen schon viel erreicht worden. Behauptungen alleine genügen ihnen nicht angesichts des Versagens der Politik, die riesige Diskrepanz zwischen den eigenen Behauptungen und den Aussagen der Wissenschaft zu erklären.

Zum Autor: Dr. Gregor Hagedorn ist Wissenschaftler am Museum für Naturkunde in Berlin. Im Februar 2019 hat er Scientists for Future (www.scientists4future.org, S4F) initiiert. S4F ist eine Grassrootbewegung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit dem Ziel die öffentliche Diskussion wissenschaftlicher Erkenntnisse insbesondere zur Klima-, Biodiversitäts- und Nachhaltigkeitskrise  zu fördern.

Quellen

  Hagedorn, G., Loew, T., Seneviratne, S. I., Lucht, W., Beck, M.-L., Hesse, ... Zens, J. (2019). The concerns of the young protesters are justified. A statement by Scientists for Future concerning the protests for more climate protection. GAIA - Ecological Perspectives for Science and Society, 28(2), 79-87. doi:10.14512/gaia.28.2.3

Text, Fotos und Grafiken soweit nicht andere Lizenzen betroffen: eskp.de | CC BY 4.0
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