Die Folgen der Erderwärmung sind auch in Deutschland nicht mehr zu übersehen. Der neue „Monitoringbericht 2019 zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel“ der Bundesregierung untersucht die Auswirkungen der Klimaentwicklung auf einzelne Wirtschaftsbereiche, auf Infrastrukturen und auf die menschliche Gesundheit. Zudem liefert er eine erste Einschätzung der trockenen Jahre 2018/2019.

Bei der Diagnose der aktuellen Situation kommt der Monitoringbericht zu ernüchternden Ergebnissen: Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 bis zum Jahr 2018 ist die Temperatur in Deutschland um 1,5 Grad gestiegen. Die Sommer 2003, 2018 und 2019 waren in Deutschland die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Nachweisbar nehmen Hitzeextreme und die Zahl der heißen Tage zu. Je mehr Wirtschaft und Gesellschaft mit Wetterextremen wie Hitze, Dürre, Starkregen, Hochwasser, Stürmen konfrontiert wird, desto stärker wird der Druck, sich in immer kürzeren Zeitzyklen anzupassen und geeignete Maßnahmen zur Bewältigung des Klimawandels zu treffen. Gerade auch die Wirtschaft ist von funktionierenden Straßen, Häfen oder Wasserwegen abhängig. Aber wichtige Infrastrukturen können insbesondere durch extreme Wetterereignisse wie Stürme und Starkregen geschädigt werden. Nach Aussagen der Versicherungswirtschaft entstanden allein im Jahr 2018 an Häusern, Kraftfahrzeugen, Hausrat, Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft Versicherungsschäden in Höhe von etwa 3,1 Milliarden Euro. Das Jahr 2018 gehörte damit zu den vier schwersten Sturmjahren der letzten 20 Jahre.

Die Trockenheit in den Jahren 2018 und 2019 hat signifikante Spuren in der Land- und Forstwirtschaft hinterlassen. In zahlreichen Regionen Deutschlands ist zudem der Wasserhaushalt aus dem Lot gekommen. Es zeigt sich an vielen Orten Deutschlands, dass sich niedrige Grundwasserstände häufen und es zu Problemen bei der Bodenwasserversorgung kommt. Der Bericht der Bundesregierung will sich auf gesicherte Erkenntnisse konzentrieren, bei denen Kausalitäten – das heißt feststellbare Ursache-Wirkungsbeziehungen – deutlich hervortreten. In vielen Fällen ist der Klimawandel nicht alleinige Ursache für die nun auftretenden Probleme, aber er ist ein wesentlicher Treiber. Ein Beispiel sind die aktuellen Waldschäden. Hier spielt etwa die Anlage von Monokulturen eine weitere wichtige Rolle.

Wald im Stress

Einer der am meisten betroffenen Wirtschaftsbereiche ist die Forstwirtschaft. In den beiden vergangenen Jahren haben Dürre, Waldbrände und Stürme schwere Schäden hinterlassen. Allein 2018 sind dem Regierungsbericht nach rund 32,4 Millionen Kubikmeter Schadholz angefallen. Insbesondere intensiv bewirtschaftete Fichtenwälder in von Trockenheit betroffenen Mittelgebirgslagen haben besonders gelitten. Die geschwächten Bäume sind in hohem Maße anfällig geworden für den Befall durch Borkenkäfer (Scolytinae) oder Buchdrucker (Ips  typographus).

Die zum Teil großen Schäden in den Wäldern verursachen höhere Bewirtschaftungskosten, die den Waldbesitzern aus der Beseitigung von Schadholz entstehen. Gleichzeitig sinkt nach großen Schadereignissen wie den Stürmen Lothar, Kyrill oder Xavier der Holzpreis aufgrund des plötzlichen Überangebots. Durch die vielfach vorhandenen Monokulturen, ist die Abhängigkeit von einer Baumart besonders groß und die Regenerationsfähigkeit des Waldes eingeschränkt. Notwendige Ersatzpflanzungen sind teuer, oftmals fehlen die nötigen Arbeitskräfte und auch die Jungpflanzen haben stark mit der Trockenheit zu kämpfen. Die Waldwirtschaft ist damit in vielen Regionen Deutschlands einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Erschwerend kommt vor allem im Osten Deutschlands eine steigende Waldbrandgefährdung in trockenen Jahren hinzu. So ging in Brandenburg bei 491 Waldbränden im Jahr 2018 eine Fläche von 1.664 Hektar Wald verloren.

Es bieten sich für die Waldwirtschaft konkrete Ansätze für vielversprechende Anpassungsmaßnahmen. So können durch gezielten Waldumbau in Richtung Mischwälder die Bestände insgesamt stabiler und vitaler gemacht werden. Aber auch die bessere Nutzung natürlicher genetischer Ressourcen in den existierenden Beständen ist ein vielversprechender Ansatz, um trockenheitsverträglichere Individuen innerhalb der heimischen Arten zu finden.

Dürre und Landwirtschaft

Von der zunehmenden Bodentrockenheit sind insbesondere der Osten Deutschlands und das Rhein-Main-Gebiet betroffen. Die Landwirtschaft in diesen Regionen steht vor großen Herausforderungen, um die Folgen von Trockenheit zu bewältigen. Als unmittelbare Reaktion auf das Trockenjahr 2018 stellten Bund und Länder an Dürrehilfen 340 Millionen Euro bereit. Demgegenüber stehen landwirtschaftliche Schäden in Höhe von 700 Millionen Euro. Vor dem Hintergrund einer zu erwarteten weiteren Erderwärmung müssen sich landwirtschaftliche Betriebe über neue Ansätze der Bodenbewirtschaftung Gedanken machen.

Viele der möglichen Anpassungsprozesse in der Landwirtschaft sind nur in größeren Zeitzyklen wirksam und sehr komplex. Ein wichtiger Faktor sind zum Beispiel die Pflanzen, die auf den Flächen angebaut werden. Untersuchungen auf Beobachtungsflächen in Bayern zeigen, dass durch einen hohen Mais- und Hackfruchtanteil und niedrigem Getreide-, Raps- und Futterleguminosen-Anteil in der Fruchtfolge die Humusgehalte seit Ende der 1980er Jahre signifikant zurückgegangen sind. Humushaltige bzw. humose Böden haben jedoch als Wasserspeicher eine große Bedeutung. Fallen Trockenheit und humusarme Böden zusammen, verschärft sich der Stress für die angebauten Pflanzen und die Ernteerträge sinken. Humusaufbau wiederum kann die sommerliche Austrocknung reduzieren.

Die Stadt als Hitze-Hotspot

Nicht nur auf dem Land, auch in den Städten haben höhere Temperaturen gravierende Folgen. Im statistischen Mittel hat die Anzahl der „heißen“ Tage (Tage an denen eine maximale Temperatur von 30 Grad erreicht wird) seit den 1950er-Jahren von etwa 3,5 Tagen auf derzeit etwa 10 Tage zugenommen. Da Städte in der Regel über weniger Grünflächen als ihre Umgebung verfügen und damit verbunden eine geringere Luftfeuchtigkeit aufweisen, steigt für die Bevölkerung die Gefahr von Hitzebelastung. Tropennächte in den Deutschlands Städten führen dazu, dass die Gefahr von Atem- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zunimmt. So sind im Jahr 2003 rund 7.500 Menschen mehr gestorben als ohne Hitzeperiode zu erwarten gewesen wäre. In den Jahren 2006 und 2015 gab es jeweils 6.000 zusätzliche Todesfälle.

Gerade in hochverdichteten Städten erwachsen neue Risiken aus Starkregenereignissen (Regenmengen über 25 Liter/m2 in einer Stunde bzw. 35 Liter/m2 in sechs Stunden) sowie Sturzfluten. Solche Ereignisse werden den bisherigen Klimaprognosen nach auch in Deutschland zunehmen. Wie das Jahr 2002 mit den damaligen schweren Hochwassern an Elbe und Donau zeigt, können die Schäden bei Überschwemmungen schnell in die Milliarden gehen. Analysen der Versicherungswirtschaft zeigen, dass sich die daraus resultierenden Schäden bei einem einzigen Einfamilienhaus auf eine Höhe von 100.000 Euro aufsummieren können.

Dagegen wirken Grünflächen in Städten bei Regenereignissen wie Schwämme. Um sich auf schwere Regenereignisse besser vorzubereiten, können Städte den Grünanteil zum Beispiel in Form von Dach- oder Fassadenbegrünungen erhöhen. Die Begrünung von Gebäuden dient zudem als vorbeugender Wärmeschutz, um Gebäude bei hohen sommerlichen Temperaturen vor Hitze zu schützen. Hier ist vor allem bei Neubauten neben einer guten Wärmedämmung auch auf die Gebäudeausrichtung oder die Planung der Fensterflächenanteile zu achten. Bei der Sanierung älterer Gebäude können zahlreiche Maßnahmen auch dabei helfen, Gebäude vor Überwärmung zu schützen. Die Gefahr der Überhitzung und Überwärmung von Gebäuden sollte bei künftigen Sanierungsmaßnahmen stärker von Bauherren und Architekten in den Blick genommen werden.

Energie- und Transportwirtschaft vor Veränderungen

Weitere wichtige Risikobereiche bilden die Energie- und die Transportwirtschaft. In den kritischen Hitzejahren 2003, 2006 oder 2018 musste in zahlreichen Kohle- und Kernkraftwerken die Stromproduktion wegen fehlendem Kühlwasser oder eingeschränkter Belieferung mit Kohle als Folge von Niedrigwasser zum Teil stark heruntergefahren werden. Von Lieferengpässen betroffen waren im Jahr 2018 auch große Industrieunternehmen entlang des Rheins. Eingeschränkt war zudem die Versorgung mit Öl, Diesel und Benzin, da Tanklastschiffe bei Niedrigwasser ebenfalls nur noch mit reduzierten Lademengen fahren konnten. Als Folge kam es teilweise zu Versorgungsengpässen an Tankstellen. Insgesamt ging im Jahr 2018 der Transport über Binnenschiffe im Vergleich zum Vorjahr um 11,1 Prozent zurück.

Eine wichtige Folge der Erwärmung, die bis dato noch wenig Beachtung findet, sind die eingeschränkten Möglichkeiten, das Kühlwasser durch Kraftwerke oder verarbeitendes Gewerbe in Flüsse einzuleiten. Da das eingeleitete Kühlwasser die Flüsse weiter erwärmen würde, kann es in Zukunft zu strengeren Regulierungen kommen, um die Ökosysteme, die sowieso schon mit hohen Wassertemperaturen zu kämpfen haben, nicht zusätzlich zu belasten.

Industrieunternehmen vor allem im verarbeiteten Gewerbe sollten in Zukunft verstärkt darauf achten, die Bemühungen um einen geringeren Wassereinsatz bei der Produktion weiter fortzusetzen. Hier wurden in den vergangenen Jahren beachtliche Fortschritte erzielt. So ging zwischen den Jahren 2000 und 2016 der Wassereinsatz um 27 Prozent zurück. Insgesamt geht es bei der Energieversorgung künftig um Risikostreuung durch eine zunehmend dezentral organisierte Energieversorgung.

Strukturwandel in Wintersportorten nötig

Ein ambivalentes Bild zeigt sich in der Tourismuswirtschaft. Zwar ist an den Küsten in den kommenden Jahren mit einem weiteren Anstieg des Meeresspiegels zu rechnen, verbunden beispielsweise mit höheren Risiken bei Sturmfluten. Mittelfristig könnten sich durch mehr Sonnentage und höhere Wassertemperaturen die Badeorte an Nord- und Ostsee durchaus auch zu „Profiteuren“ der Erderwärmung entwickeln. Demgegenüber stehen steigende Risiken wie eine Zunahme der Algenblüten im Meer.

Die Mittelgebirgsregionen mit dem dortigen Winter- und Skitourismus könnten dagegen vermehrt unter der fehlenden Schneesicherheit leiden. Warme und niederschlagsarme Winter schlagen sich schnell in niedrigeren Übernachtungszahlen wieder, da Skiliebhaber bei Schneemangel in die sicheren Höhenlagen der Alpen ausweichen.

Für den erfolgreichen Betrieb von Skigebieten gilt die sogenannte 100-Tage-Regel. Sie besagt, dass der Betrieb eines Skigebiets nur dann wirtschaftlich gewährleistet ist, wenn sichere Schneebedingungen (30 bis 50 cm Schneehöhe, ein Meter Schneehöhe bei felsigem Untergrund) an mindestens hundert Tagen der Saison gegeben sind. Dies ist in hiesigen Mittelgebirgen wie Harz, Rhön, Sauerland, Thüringer Wald oder Fichtelgebirge immer seltener der Fall.

Gerade in schneearmen Jahren wie 2013/2014 ist der Skibetrieb bereits heute trotz aufwändiger und kostenintensiver künstlicher Beschneiung nur noch eingeschränkt möglich. Betroffene Skiorte und Tourismuszentren in Mittelgebirgen stehen daher vor einem großen Strukturwandel. Sie müssen neue Angebote schaffen, die nicht auf Schnee angewiesen sind.

Angesichts der zunehmenden Risiken, kommt der Information der Öffentlichkeit über diese Risiken eine zentrale Aufgabe zu. Bereits heute werden Warn- und Informationsdienste des Bundes und der Länder von mehr als der Hälfte der Bevölkerung genutzt. Dazu zählen etwa der Hitzewarndienst des DWD, Warndienste für extreme Wetterereignisse wie Stürme, Starkregen oder Gewitter, Hochwasserwarninformationsdienste, aber auch der Pollenflug-Gefahrenindex, der während der Pollenflugsaison über die Intensität der Belastung informiert.

Die notwendigen Minderungs-, Anpassungs-, Wald- und Biodiversitätsmaßnahmen nehmen immer mehr Geldmittel in Anspruch. Die Klimafinanzierung ist heute schon nicht nur eine nationale, sondern im wesentlichen Maße auch eine internationale Aufgabe. Der Anstieg der Ausgaben Deutschlands von 471 Millionen Euro im Jahr 2005 auf 3,46 Milliarden Euro im Jahr 2017 zeigt, welche Anstrengungen bei der internationalen Klimafinanzierung nötig sind, um die Vulnerabilität menschlicher oder natürlicher Systeme gegenüber Einflüssen oder Risiken des Klimawandels zu mindern und so deren Klimaresilienz zu steigern.

Text: Oliver Jorzik (ESKP)

DOI
https://doi.org/10.2312/eskp.008

Veröffentlicht: 05.12.2019, 6. Jahrgang

Zitiervorschlag: Jorzik, O. (2019, 5. Dezember). Folgen des Klimawandels für Deutschland. Earth System Knowledge Platform [www.eskp.de], 6. doi:10.2312/eskp.008

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