Erderwärmung: Handeln lohnt sich

Am 8. Oktober 2018 veröffentlichte der Weltklimarat IPCC seinen Sonderbericht zum 1,5-Grad Klimaziel im südkoreanischen Incheon. Der Bericht mahnt zur Eile. Um die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad Celsius zu halten, sind alle gefordert: Regierungen, Wirtschaft und Bürger. In einem Interview des Forschungszentrums Jülich gibt Prof. Astrid Kiendler-Scharr eine Einschätzung des Berichts. Sie ist Leiterin am Institut für Energie- und Klimafolgenforschung und hat als Gutachterin am IPPC-Sonderbericht mitgearbeitet. ESKP hat das Interview und die Ergebnisse des IPPC-Gutachtens zusammengefasst.

Ist die Begrenzung der Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit noch möglich, besser auf 1,5 Grad? Nach Aussagen des Weltklimarats, die er in einem aktuellen Gutachten für das UNFCCC-Sekretariat vorgelegt hat, würde eine Begrenzung der Erderwärmung schnelle, weitreichende und beispielslose Veränderungen bedeuten. Diese Veränderungen würden alle Bereiche der Gesellschaft treffen.

Für die Jülicher Klimaforscherin Prof. Dr. Astrid Kiendler-Scharr ist das ehrgeizige Ziel nur mit einem starken Wechsel der Energietechnologie zu erreichen bis hin zu erneuerbaren Energien. Wenn es um kurzfristige Wirkungen geht, ist für sie klar: „Alle Prozesse, die Treibhausgase ansteigen lassen, sollten möglichst minimiert werden. Das umfasst zum Beispiel die industrielle Produktion, die Landwirtschaft oder die Nutzviehhaltung.“ Aber wir müssten auch unseren Lebensstil insgesamt hinterfragen und unser individuelles Handeln konsequenter nach dem Grundsatz „Wissen und Gewissen“ ausrichten. Auch die Politik ist gefordert. Sie könnte diesen Veränderungsprozess unterstützen durch Förderungen  – beispielsweise für Radwege, den öffentlichen Nahverkehr oder Speicher für die erneuerbaren Energien.

Gleichzeitig muss man sich mit der Frage der CO2-Speicherung auseinandersetzen. „Alle aktuellen Berechnungen zeigen, dass wir CO2 aktiv aus der Atmosphäre herausnehmen müssen, um eine Temperaturerhöhung von über 1,5 Grad zu vermeiden“, so Kiendler-Scharr. Denn CO2 gehört zu den langlebigen Treibhausgasen. Wenn es einmal in der Atmosphäre ist, verbleibt es dort so gut wie immer. Die natürlichen CO2-Speicher wie Wälder und Ozeane würden nicht ausreichen, um den CO2-Anteil in wenigen Jahrzehnten deutlich zu reduzieren.

Kurzfristige Wirkungen erreichen

Anders sähe das mit den kurzlebigen Spurengasen und Luftschadstoffen aus. Kurzlebige Klimatreiber sind zum Beispiel atmosphärisches Ozon oder Aerosole. Es handelt sich um Schwebeteilchen mit einer klar begrenzten Aufenthaltszeit in der Atmosphäre. Astrid Kiendler-Scharr sieht hier ein großes Potenzial. Wenn man das 1,5 oder 2-Grad Ziel erreichen möchte, „muss man sich massiv diesen kurzlebigen Stoffen zuwenden“, so die Forscherin. So werde bodennahes Ozon durch anthropogene Luftschadstoffe gebildet. Dieses sei nicht nur schädlich für Mensch und Umwelt, sondern auch ein starkes Treibhausgas. Maßnahmen zur Luftqualitätsverbesserung hätten hier also einen direkten Effekt auf das Klima.

Bei den sogenannten Aerosolen ist die Sachlage komplizierter. Zwar führt die Gesamtheit aller Aerosole netto zu einer Kühlung, manche Aerosoltypen wie etwa Ruß können aber auch wärmend wirken. Gleichzeitig wirkten sie als Wolkenkeime. Wolken wiederum haben je nach Zusammensetzung, Tageszeit und Höhenlage einen kühlenden oder wärmenden Effekt. „Wenn wir diese komplexen Zusammenhänge besser verstehen, gibt es die Chance in naher Zukunft Erfolge im Klimageschehen zu erzielen. Dieses Wissen wiederum könnte man laut Astrid Kiendler-Scharr als Übergangsphase nutzen, bis die Reduktion von CO2 weiter fortgeschritten ist. Sowohl bodennahes Ozon als auch Aerosole sind stark durch den Menschen beeinflusst. Eine der Hauptquellen ist die Verbrennung fossiler Energien. Hierbei nimmt der Straßenverkehr eine Schlüsselstellung ein.

Temperaturanstieg: je geringer, desto besser

Eine der Kernaussagen, die aus dem aktuellen IPCC-Bericht hervorgehen, ist, dass „wir bereits die Folgen von 1 Grad Celsius globaler Erwärmung sehen – neben anderen Änderungen“. Dies sagte Panmao Zhai, Ko-Vorsitzender der IPCC-Arbeitsgruppe I bei der Vorstellung des Berichts. Dazu zählen extremeres Wetter – Starkregen, Hitzewellen, Dürre – sowie steigende Meeresspiegel und eine Abnahme des Meereises in der Arktis. Mit ansteigender Temperatur müsste man zunehmend mit Hitzewellen und Dürre, wie wir sie in diesem Sommer erlebt hatten, rechnen – verbunden mit allen negativen Folgen für die Landwirtschaft und damit verbunden für die Produktion von Nahrungsmitteln.

Das Alfred-Wegener-Institut für Polarforschung in Bremerhaven weist mit Verweis auf den IPCC-Bericht darauf hin, dass eine Reihe von Auswirkungen des Klimawandels vermieden werden könnten, wenn sich die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius gegenüber 2 Grad Celsius begrenzen ließe. Beispielswiese würde die Ausdehnung von Korallenriffen bei einer globalen Erwärmung von 1,5 Grad Celsius um 70 bis 90 Prozent abnehmen, während bei 2 Grad Celsius praktisch alle Riffe (mehr als 99 Prozent) verloren gehen würden. Korallenriffe haben nicht nur eine wichtige Funktion beim Küstenschutz. Sie dienen zudem auch als Aufzuchtgebiet für viele Fischarten, die wiederum als Lebensgrundlage und Einkommensquelle für Menschen dienen. Aber nicht nur marine Ökosysteme würden durch eine stärkere Begrenzung des Temperaturanstiegs weniger belastet. Laut IPCC-Sonderbericht gäbe es auch weniger negative Auswirkungen auf die Biodiversität an Land, die Versorgung von Menschen mit Wasser oder Überflutungen durch einen steigenden Meeresspiegel. Der Bericht zeigt die verschiedenen Entwicklungspfade auf, die mit dem Erreichen des 1,5-Grad- oder des Zwei-Grad-Ziels verbunden sind. Damit bildet er eine wichtige Bewertungsgrundlage für politische Entscheider.

Über den IPCC

Der Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) ist das weltweit führende Gremium für die Bewertung der Wissenschaft im Zusammenhang mit dem Klimawandel, seiner Auswirkungen und potenziellen künftigen Risiken sowie möglicher Handlungsoptionen. Der Bericht wurde unter der wissenschaftlichen Leitung aller drei IPCC-Arbeitsgruppen erstellt. Arbeitsgruppe I bewertet die physikalischen Grundlagen des Klimawandels; Arbeitsgruppe II befasst sich mit Auswirkungen, Anpassung und Anfälligkeit; und die Arbeitsgruppe III befasst sich mit der Abschwächung des Klimawandels.  

Das Pariser Abkommen, das im Dezember 2015 auf der 21. UNFCCC-Konferenz von 195 Staaten verabschiedet wurde, beinhaltete das Ziel, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter 2 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, wenn möglich auf 1,5 Grad Celsius. Der IPCC wurde eingeladen, 2018 einen entsprechenden Sonderbericht vorzulegen. Dieser Einladung folgte der IPCC folgte und fügte hinzu, dass der Sonderbericht diese Fragen im Zusammenhang mit der Stärkung der globalen Antwort auf die Bedrohung durch den Klimawandel, nachhaltige Entwicklung und Bemühungen zur Beseitigung der Armut behandeln würde.

Text: Oliver Jorzik (ESKP)

Quellen

  FZJ-Interview: „1,5-Grad Klimaziel – jeder ist gefordert!“ Link
  AWI-Medieninformation: „Weltklimarat zum 1,5-Grad-Ziel.“ Link
  Kernaussagen des IPCC-Sonderberichts 2018. Link

Weiterführende Informationen

  Klimaschutz weltweit finanzieren. Ein Beitrag auf ESKP-Themenspezial. Link
  Wirkung von Treibhausgasen in der Atmosphäre. Link
  Beitrag auf helmholtz.de zum IPCC-Sonderbericht: "Es ist Zeit, die Welt zu retten." Link

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eskp.de | Earth System Knowledge Platform – die Wissensplattform des Forschungsbereichs Erde und Umwelt der Helmholtz-Gemeinschaft

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