„Blaues“ Wachstum trotz Klimawandel

Eine Umfrage unter Unternehmen an der Nordsee zeigt, dass steigende Meerestemperaturen und zunehmende Extremwetterbedingungen wahrgenommen werden. Vielfach sind in der Meereswirtschaft Investitionen notwendig, um Arbeiten zukünftig unter veränderten Bedingungen durchzuführen. Die Unternehmen sehen aber auch Chancen, beispielsweise in der Tourismuswirtschaft. Damit die Blue-Growth-Initiative der EU-Kommission noch stärker wirkt, dürften Regeln nicht ständig geändert und bürokratische Hürden müssten abgebaut werden.

Küstenregionen sind heute bevorzugte Lebens- und Arbeitsräume. Wirtschaftliche Aktivitäten, die vom  Meer abhängen, sind mit ca. 5,4 Millionen Arbeitsplätzen und einer Bruttowertschöpfungskette von circa 500 Milliarden Euro pro Jahr ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor in der Europäischen Union. Meere bieten eine Fülle von Ressourcen an, die wir als Gesellschaft bereits heute intensiv nutzen oder deren Nutzen wir gerade erst erschließen. Beispielsweise forscht die „blaue“ Biotechnologie an neuen Substanzen, die man aus Makro- und Mikroalgen gewinnen kann, um diese unter anderem für medizinische Zwecke nutzbar zu machen. Die Nutzung von Offshore-Windenergie wird ebenfalls ein wesentlicher Bestandteil der Energiewende sein. Technologien, wie Wellen- und Gezeitenkraftwerke, müssen zur Marktreife gelangen.  Unsere Meere fungieren ebenso als wichtige Verkehrswege. Nicht jedem ist bewusst, dass Dreiviertel des EU-Außenhandels und 37 Prozent des Innenhandels der EU über den Seeweg abgewickelt werden.

Blue Growth Initiative

Damit dieses Potential nachhaltig genutzt und erweitert werden kann, wurde im Jahr 2012 von der Europäischen Kommission die Initiative „Blaues Wachstum: Chancen für nachhaltiges marines und maritimes Wachstum“ ins Leben gerufen. Es ist eine Initiative zur Erschließung des ungenutzten Potenzials der europäischen Ozeane, Meere und Küsten für Beschäftigung und Wachstum. Die Initiative steht auf drei Säulen. Die erste Säule umfasst konkrete Maßnahmen der integrierten Meerespolitik, in der Abstimmung und Koordination zwischen verschiedenen Aktivitäten im Vordergrund stehen. Dafür sollen Erkenntnisse gebündelt werden, damit Industrie, Forschung und politische Entscheidungsträger bestmöglich informiert sind und wissensbasiert agieren können. Mit mariner Raumordnung soll die Nutzung der verschiedenen Meereszonen koordiniert und damit zur Sicherheit, Effizienz und Nachhaltigkeit der Abläufe und Aktivitäten auf See beitragen. Die integrierte Meeresüberwachung soll den Informationsfluss zwischen einzelnen Behörden vereinfachen, ihn effektiver und günstiger machen.

Die zweite Säule der Initiative beinhaltet die Entwicklung von Strategien für jedes der sieben Meeresbecken innerhalb der EU. Zu den Meeresbecken gehören das Adriatische und Ionische Meer, der Arktische Ozean, Atlantik, Ostsee, das Schwarze Meer, das Mittelmeer und die Nordsee. Die Strategien werden ganzheitlich sein und klimatische, ozeanografische, wirtschaftliche, kulturelle und soziale Faktoren berücksichtigen.

Ein gezielteres Vorgehen in bestimmten Wirtschaftszweigen, wie der Aquakultur oder dem Küstentourismus, bilden die dritte Säule der Initiative. Für den Sektor der Offshore-Windenergie wurde beispielsweise bereits der Bremerhavener Hafen modernisiert, damit er den Erfordernissen der Hersteller und Lieferanten genügt.

Mit Blick auf die Nordsee und insbesondere das deutsche Hoheitsgebiet, zeigt sich jedoch auch, dass diesen ambitionierten Wachstumsstrategien auch Grenzen gesetzt sind. Der verfügbare Raum ist limitiert, dementsprechend begrenzt ist auch die weitere Entwicklung der einzelnen Sektoren der „blauen“ Wirtschaft.

Klimawandel und Blaues Wachstum

Eine große Herausforderung für die Blaue Wirtschaft stellt das sich verändernde Klima an der Nordsee dar. Die Folgen des Klimawandels treffen alle Akteure der maritimen Wirtschaft. Es werden nicht nur jährlich neue Rekordtemperaturen für das Jahresmittel aufgestellt, sondern auch die Nordsee erwärmt sich zunehmend. Für sämtliche Akteure, die direkt oder indirekt mit der Nordsee interagieren. Beispiele hierfür sind extremere Wettereignisse oder das Ab- bzw. Zuwandern neuer Arten.

In einer neuen Studie vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) wurden 25 Unternehmen aus den Bereichen Fischerei und Aquakultur, Transportwesen, Tourismus, Offshore-Windenergie und Biotechnologie befragt. Die interviewten Unternehmen sind allesamt an der Nordseeküste ansässig und stammen aus den Bundesländern Bremen, Niedersachsen oder Schleswig-Holstein. Im Rahmen dieser semi-strukturierten Interviews wurde gezielt untersucht, welche Umweltveränderungen die Befragten in ihrem Arbeitsumfeld wahrnehmen und ob sie diese positiv, negativ oder neutral bewerten. Ebenso wurden sie gefragt, welche Herausforderungen sich aus diesen Umweltveränderungen ergeben um sich möglichst nachhaltig daran anzupassen.

Ergebnisse der Unternehmensbefragung

Die Studie stellt fest, dass keines der befragten Unternehmen daran zweifelt, dass der Klimawandel stattfindet. Sie können ebenfalls mögliche Ursachen für den Klimawandel benennen (u.a. CO2-Ausstoß, Abholzung der Regenwälder). Bei der Einschätzung von konkreten Auswirkungen, die sich als Folge des Klimawandels ergeben, gibt es jedoch Unterschiede zwischen den einzelnen Branchen. Dies betrifft sowohl die Wahrnehmung als auch die Bewertung der Folgen.

Unternehmen aus der Fischerei- und Aquakultur, der Windenergie und aus dem Transportsektor sehen insbesondere die sich verschärfenden Wind- und Seegangsbedingungen als problematisch für ihre Arbeit an. So könnten in Zukunft Arbeiten auf See nicht mehr wie bisher durchgeführt werden oder müssten anders koordiniert werden. Auch muss unter Umständen neues Equipment angeschafft werden, um die Arbeiten zu erledigen.

Gleichzeitig führt die Erwärmung der Nordsee zu einer sich verändernden Artenzusammensetzung. Heimische Arten wandern nach Norden, wo sie ihre ursprünglichen klimatischen Bedingungen wieder vorfinden. Gleichzeitig fühlen sich neue Arten aus wärmeren Gewässern in der Nordsee heimisch. Dies hat zum einen Auswirkungen auf das Transportwesen. Hier muss künftig noch stärker darauf geachtet werden, dass fremde Organismen nicht als „blinde Passagiere“ im Ballastwasser der Schiffe weltweit transportiert werden und sich in der Nordsee neu ansiedeln.

Zum anderen muss die Fischerei den traditionell gefangenen Arten weiter hinterherziehen oder sich auf Fang und Vermarktung neuer Arten einstellen. Bei den Aquakulturen wird es ebenso zu Umstellungen kommen. Der Anstieg der Meerestemperatur führt zu einer Versauerung des Meeres, das bedroht besonders die heimische Miesmuschel bei der Ausbildung ihrer Schale. Mit Anstieg der Temperatur steigt auch das Risiko von toxischen Algenblüten. Die Toxine können in Meeresfrüchten angereichert werden und über den Verzehr in den menschlichen Körper gelangen.

In den Branchen Tourismus und Biotechnologie ist die Einschätzung der Auswirkungen nicht negativ behaftet. Steigende Meerestemperaturen werden hier eher positiv bewertet, da sich hieraus neue Chancen ergeben. Für den Tourismus ist warmes Wetter gleichbedeutend mit einem besseren Urlaubserlebnis. Der Biotechnologiebranche bieten die steigenden Temperaturen und die sich daraus ergebenden Probleme ein Potential zur Entwicklung neuer Produkte in der Diagnostik und somit zur Generierung neuer Umsätze.

Die Befragten konnten einige sehr konkrete Probleme benennen, welche durch den Klimawandel entstehen. Mitunter lassen sich diese auch mit anderen Umweltfaktoren verknüpfen, wie Schaubild 1 illustriert.

Konstante politische Rahmenbedingungen

Es gibt aber auch Probleme, bei denen die Notwendigkeit zur Anpassung eher abstrakt gelagert ist. Hier sehen die Unternehmen viel mehr politische und regulatorische Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Als konkrete Herausforderungen werden zum Beispiel die Umstellung auf regenerative Energie oder die Vermeidung von Umweltverschmutzung durch Müll und Plastik gesehen. Hierzu gehören auch kurzfristige politische Veränderungen, wie der Brexit. Bei der langwierigen Realisierung von Projekten beispielsweise im Sektor „Erneuerbare Energien“ kann sich die politische Strategie durchaus mehrmals verändern. Problematisch wäre, wenn zu Projektende nicht mehr die gleichen Rahmenbedingungen vorherrschen würden wie noch zu Projektbeginn.

Die Blue-Growth-Strategie der europäischen Kommission legt großen Wert auf eine nachhaltige Entwicklung. Diese liegt dann vor, wenn die Bereiche Wirtschaft, Soziales und Umwelt im Gleichgewicht liegen (siehe Schaubild 2). Unter den befragten Unternehmen zeigte sich, dass die wirtschaftliche Dimension einerseits den größten Stellenwert einnimmt, aber andererseits auch die größte Hürde bei der Realisierung einer nachhaltigen Entwicklung darstellt. Das rührt daher, dass ein Unternehmen sich in erster Linie wirtschaftlich verpflichtet sieht, den Geschäftsprozess als solches aufrechtzuerhalten.

Fazit: Klimawandel weniger Hemmnis als bürokratische Hürden

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die befragten Unternehmen sich der Umweltveränderung durch den Klimawandel bewusst sind. Sie wissen ebenfalls, welche Gegenmaßnahmen zu treffen sind. Die Befragten konnten hingegen nicht bestätigen, dass durch den Klimawandel das Wachstum der Blauen Wirtschaft gehemmt wird. Problematisch sehen sie vielmehr politische Rahmenbedingungen und administrative Hürden. Diese machen es für viele Unternehmen unattraktiv, sich um Fördermittel zu bewerben, die zu Innovationen führen oder dem Ausbau der maritimen Wirtschaft dienen sollen. Für Unternehmen sind unbürokratische und schnell zu realisierende Initiativen interessanter, welche zeitnah zu einem wirtschaftlichen Mehrwert führen. Die Blue-Growth-Strategie selbst war nur ungefähr einem Drittel der befragten Unternehmen bekannt. Die Ergebnisse zeigen, dass eine gute Kommunikation in die Wirtschaft wichtig ist, damit die Umsetzung der integrierten Strategie von „Blue Growth“ noch effektiver wird.

Text, Fotos und Grafiken soweit nicht andere Lizenzen betroffen: eskp.de | CC BY 4.0
eskp.de | Earth System Knowledge Platform – die Wissensplattform des Forschungsbereichs Erde und Umwelt der Helmholtz-Gemeinschaft

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