Buckelwiesen, Säbelwuchs und trunkene Wälder

Was Pflanzenwuchs und Baumringanalysen über langsame Hangbewegungen und Steinschläge verraten können.

Stufenförmige Hänge, Zerrungen in der Grasdecke, Buckelwiesen, Säbelwuchs: Unwirklich anmutende Formen und Wuchsformen in der Landschaft. Dem geübten Betrachter jedoch verraten sie einiges über die Bewegungen des Untergrundes. Wenn der Boden am Hang der Schwerkraft folgend langsam kriecht oder rutscht, versuchen Bäume dies zu kompensieren. Denn sie sind stets bemüht aufrecht zu wachsen. Die flachgründigen Böden des Gebirges neigen besonders zum Rutschen, da überschüssiges Wasser nicht in der Tiefe versickern kann. Oft kriecht der instabile Boden episodisch hangabwärts, je nach Wasserangebot. Allmählich treten bizarre Gebilde in Erscheinung: säbelartig wachsende Bäume. Zunächst richten sich dabei die Jungtriebe senkrecht aus. Kippt der Boden gar, reagieren Bäume mit Hakenwuchs. An extrem steilen Hängen wiederum wachsen Bäume von Natur aus auf diese Weise, ohne dass sich der Boden bewegt. Ganze Waldabschnitte wirken trunken, wenn der Untergrund mehrfach gekippt ist. Die Schiefstellung weist auf junge Bewegungen hin. Die Bäume hatten nicht die Zeit, ihren Wuchs anzupassen und senkrecht auszurichten. Tauzyklen oder langsam auftauender Permafrost versetzen den Boden beispielsweise relativ rasch in Bewegung.

Einige Baumarten eignen sich ganz hervorragend, um langsam ablaufende Prozesse zu datieren und zu charakterisieren. Lange zurückliegende Prozesse können teils monatsgenau zurückverfolgt werden. Der Abstand zwischen einzelnen Baumringen, deren Form und Muster lassen Rückschlüsse auf Bodenbewegungen zu. Bei Nadelbäumen ist der Abstand zwischen den Ringen an der hangabwärts gerichteten Seite des Stammes wesentlich größer und auch etwas dunkler (Druckholz). Laubbäume hingegen reagieren mit der Bildung von Zugholz. Das Holz von Lärchen oder Fichten eignet sich beispielsweise besser als Kiefernholz zur Untersuchung von Kriech- und Rutschprozessen des Bodens. Wunden an Bäumen, verursacht durch Murgänge und Steinschläge lassen sich auch noch lange Zeit später feststellen, denn das Wachstum im Stamm ist an den getroffenen Stellen chaotisch (Kallusgewebe). Der Baum reagiert auf Verletzungen schnell, um sich vor Insekten und Pathogenen zu schützen. Die Wunde wird, je nach Alter des Baumes, rasch abgegrenzt. Auch Harzkanäle bilden sich bei manchen Nadelholzbäumen aus (z.B. Gemeine Fichte, Weiß-Tanne, Europäische Lärche) und weisen auf traumatische Störungen hin. Somit lässt sich der Zeitpunkt des Steinschlages recht genau bestimmen, Jahrhunderte später noch. Werden Bäume von Geröll in gewissem Maße verschüttet, erleiden sie in der Regel Wassermangel und überleben nur bedingt. Einmal vom Geröll begraben, versuchen Bäume mit sprossbürtigen Wurzeln an Nährstoffe zu gelangen. Wissenschaftler können deren Alter bestimmen und erfahren so, wann Massenbewegungen stattgefunden haben. Buckelwiesen hingegen sind Zeugen lange zurückliegender Bodenbewegungen. Sie bildeten sich am Ende der Würmeiszeit heraus und werden weiter durch Schmelzwasser geformt. In Deutschland finden sie sich noch in der Nähe von Mittenwald in Bayern.

Mancherorts gänzlich fehlender Baumbewuchs sollte auch Fragen aufwerfen. Fehlen Bäume unterhalb der Baumgrenze, könnte sich der Boden allmählich und kriechend hangabwärts bewegen, denn abscherende Bewegungen reißen den Bäumen unterirdisch buchstäblich die Wurzeln weg.

Bäume sind auch erstaunlich zuverlässige Zeiger für Naturgefahren wie Schneelawinen, Erdbeben oder Erdrutsche. Insbesondere für Zeiten, in denen Menschen noch nicht daran dachten, diese Ereignisse zu dokumentieren. Erdrutsche können beispielsweise große Flächen freilegen. Mit dem dann nachwachsenden Baumbestand lässt sich der zurückliegende Erdrutsch datieren. Selbst Vulkanausbrüche vergangener Zeiten können erkannt werden. Beim plötzlichen Ausbruch des lange inaktiven Mount St. Helens (USA) wurden Baumringe herangezogen, um schnell Daten über Ausbrüche der Vergangenheit zu gewinnen. So können Wissenschaftler mit Hilfe von Bäumen, deren Wuchsform und Baumringen sowie Geländeformen Ereignisse rekonstruieren und die Erkenntnisse für die Gegenwart nutzen.

Text: ESKP - Jana Kandarr, Fachliche Durchsicht: Prof. Dr. Markus Stoffel

Quellen und weiterführende Informationen

 Geologische Bundesanstalt Österreich: Massenbewegungen - Mass movements

  Stoffel, M., Bollschweiler, M. (2008): Tree-ring analysis in natural hazards research – an overview. Natural Hazards and Earth System Sciences 8(2). pp 187-202 Link

  Stoffel, M., Corona, C. (2014): Dendroecological dating of geomorphic disturbance in trees. Tree-Ring Research 70(1). pp 3-20. Link

Das Dendrochronologie-Labor des Deutschen GeoForschungsZentrums rekonstruiert die zeitlich-räumliche Klima- und Umweltdynamik der Vergangenheit mittels Multi-Parameter-Analysen an Jahrringen. Es erfasst und verifiziert die Ursachen des gegenwärtigen globalen Wandels und seiner Auswirkungen auf Holzpflanzen.

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