UN-Klimakonferenz: Länder in der Verantwortung

Im Interview spricht Reimund Schwarze über die Chancen auf eine Einigung beim Klimagipfel in Paris, deutschen Input und mögliche regionale Maßnahmen.

Professor Reimund Schwarze koordiniert die Forschung zu "Klimawandel und Extremereignissen" am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig und leitet das Thema "Risikoanalyse und Risikomanagement für integrierte Klimastrategien" in der REKLIM-Initiative der Helmholtz-Gemeinschaft. Mit politisch-ökonomischen Analysen internationaler Klimaverhandlungen beschäftigt er sich seit über 15 Jahren und lehrt dazu an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Im Interview mit ESKP spricht Schwarze über die Chancen einer Einigung beim bevorstehenden Klimagipfel in Paris (30.11. bis 10.12.2015), den Einfluss Deutschlands und mögliche regionale Maßnahmen zum Klimaschutz.

Auszüge aus dem Interview können Sie als Video sehen (Link am Textende).

Was ist zu erwarten – wie warm wird die Erde?

Das ist schwierig zu sagen, denn es hängt an vielen menschlichen und natürlichen Faktoren, die wir nur mit großer Unsicherheit vorhersagen können. Es gibt viele mögliche Szenarien. Eine Drosselung der Erderwärmung unter 2°C gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter ist mit Sicherheit nicht zu erreichen, die Wahrscheinlichkeit dafür ist jedenfalls sehr, sehr gering. Wir müssen uns auf Klimaänderungen vorbereiten, die größere Gefahren für die Welt bedeuten, inkl. Gefahren für kriegerische Auseinandersetzungen und unwiederbringliche Ökosystemverluste.

Welche Regionen in der Welt werden besonders stark betroffen sein?

Die stärksten Klimaänderungen sind in Afrika, Lateinamerika und Asien, also in den Entwicklungsländern, zu erwarten. In einer globalisierten Welt sind davon allerdings alle Regionen der Welt betroffen. Entscheidend ist nicht die Stärke der Klimaänderungen, sondern die Verletzlichkeit der Entwicklungsländer, wenn es um die Betroffenheit und die Risiken geht.

Kann es auch Gewinner des Klimawandels geben?

Ja, es kann einige Länder geben, die davon als Nationen profitieren, wie z.B. Grönland, aber ich will nicht zynisch werden: Entscheidend ist, dass es einige Nationen bzw. einflussreiche Wirtschaftsbereiche in den Nationen gibt, die von der Erderwärmung jedenfalls vorübergehend für einige Jahrzehnte profitieren können, z.B. die Landwirtschaft und der Weinbau in unseren Regionen. Das verleitet einige Länder, wie z.B. Russland und Kanada, in Verhandlungen zu destruktiven Verhaltensweisen. Aber ich bleibe dabei, es gibt langfristig keine Gewinner des Klimawandels und die Länder, die heute blockieren, werden angesichts der Zuwendung der Welt zu einem "Low Carbon Development" – notfalls über Handelssanktionen – Verluste hinnehmen müssen.

Wie sicher sind die Vorhersagen der Wissenschaftler?

Ich betrachte die Frage der menschlichen Verursachung des gegenwärtigen Klimawandels, der im Tempo und Ausmaß einzigartig in der Menschheitsgeschichte ist, als abschließend geklärt. Was die Vorhersagen dieses menschgemachten Klimawandels angeht, teile ich dagegen Ihre Sicht, dass vieles daran extrem unsicher ist. Ich gehe soweit: Wir haben unendlich viele mögliche Szenarien des gegenwärtigen Klimawandels und die Unsicherheitsbereiche sind, jedenfalls was die Folgen des Temperaturanstiegs angeht, überhaupt nicht abschätzbar. Wir müssen diesbezüglich unter Ungewissheit handeln, also vernünftigerweise nach einem Vorsichtsprinzip versuchen, die jeweils schlimmsten denkbaren Gefahren zu vermeiden. Das ist eine schwieriger Kulturakt, wie wir seit Odysseus wissen, weil hier vielfach Risiko-Risiko-Entscheidungen zu treffen sind.

Welche ökologischen und ökonomischen Auswirkungen hat der Klimawandel auf Deutschland?

Deutschland ist im internationalen Vergleichsmaßstab eine "Gunstzone" des Klimawandels, wenn es nur um die direkte Betroffenheit durch Temperatur- und andere Klimaänderungen in dieser Weltregion geht. Wir sind auch heute schon besser vorbereitet als der Rest der Welt. Das bedeutet nicht, es bliebe hier nichts zu tun und wir könnten die Hände in den Schoß legen. Deutschland ist ein extrem vom Rest der Welt abhängiges Land, das arm an Ressourcen ist, und daher indirekt extrem von Veränderungen dieser Welt abhängt. Und es ist Teil der Europäischen Union, in der es empfindlich betroffene Nachbarn z.B. in Südeuropa gibt, und die als Ganz an der Grenze zum verletzlichsten Teil dieses Globus namens Afrika liegt. Wir müssen hier vorsorglich, langfristig im eigenen Interesse handeln.

Welchen Beitrag kann Deutschland zum Klimaschutz (Klimagipfel) leisten?

Der Beitrag Deutschlands zur globalen Emission von Treibhausgasen ist verschwindend gering (< 2%, 2015); es kann nur als "Vorreiter" und Vorzeigebeispiel etwas zum Klimagipfel beitragen und kann ohnehin dort nur als Mitglied der EU wirksam sein und hier liegt die wichtigste Aufgabe: Die EU ist sich ganz und gar nicht eins in Sachen langfristiger Klimaschutz und Dekarbonisierung. Wir müssen zuerst unsere unmittelbaren Nachbarn überzeugen, dass die Energiewende nach deutschem Modell machbar ist, dann können wir dieses Modell auch in die Verhandlungen einbringen. Auf dem Klimagipfel in Paris wird Deutschland und die EU keine große Rolle spielen außer in Sonntagsreden.

Welche regionalen Maßnahmen sind sinnvoll und was wird bereits getan?

Sie meinen Maßnahmen in Deutschland? Ich möchte hier zwischen Klimaschutz und Klimaanpassung in Deutschland unterscheiden.

Beim Klimaschutz sehe ich Deutschland vor allen in seiner Rolle für Europa und die EU. Hier muss viel in der nahen Zukunft geschehen. Die Ziele sind ambitioniert für Europa und Deutschland. Hier liegt nicht die Hauptaufgabe! Aber die Umsetzung dieser Ziele ist nicht überzeugend. Unser Hauptinstrument, der Emissionshandel, liegt schwer krank in einer Agonie. Die deutsche Energiewende ist als Klimaschutzstrategie viel zu teuer, um als Modell vorzeigbar zu sein. Und sie steht auf mittlere Sicht auf wackeligen Beinen, ist extrem anfällig für wirtschaftliche Entwicklungen, bestenfalls ein Experiment mit unvorhersehbarem Ergebnis. Ich würde anstatt auf konkrete Maßnahmen auf einen solide Architektur, einen planbaren Rahmen für den Klimaschutz und die Wirkung von ökonomischen Instrumenten setzen, sprich wir brauchen den Preis für Kohlendioxid als Leitlinie für die langfristige Klimapolitik.

Bei der Klimaanpassung sehe ich uns bereits weit vorne. Wir haben bereits viele Maßnahmen vorsorgend ergriffen, z.B. im Hochwasserschutz, die in anderen Ländern als beispielhaft gelten. Natürlich bliebt noch viel zu tun, aber wir haben vor allem in die Forschung – Beispiel KLIMZUG des BMBF (Anm. d. Red./ Fördermaßnahme des Bundesministeriums für Bildung und Forschung) – investiert, viel investiert, und damit Wissen erzeugt, das uns erlaubt beispielhaft gute Grundsätze der Klimaanpassung wie "Vorsorge ist besser und vor allem billiger als Nachsorge" und "Klimaanpassung geht nicht ohne Klimaschutz und muss damit systematisch verzahnt werden" zu verankern. Das klingt nach wenig, ist aber viel, wenn es um die Schaffung einer "Architektur" für die langfristige Klimapolitik geht.

Das Interview führten Karl Dzuba (Deutsches Geoforschungszentrum) und Martin Trinkaus (Helmholtz-Gemeinschaft).

Linktipps:

Video: Die Rolle Deutschlands beim Klimagipfel in Paris
Video: Klimagipfel - Maßnahmen und mögliche Gewinner

 

Weitere Videos über Verhandlungen & Aussichten beim Klimagipfel in Paris auf helmholtz.de.
Infografik: eine kurze Geschichte der Klimakonferenzen

Text, Fotos und Grafiken soweit nicht andere Lizenzen betroffen: eskp.de | CC BY 4.0
eskp.de | Earth System Knowledge Platform – die Wissensplattform des Forschungsbereichs Erde und Umwelt der Helmholtz-Gemeinschaft

Related Articles