Schlüsselstellung der Städte beim Kampf gegen den Klimawandel

Bereits heute leben mehr als die Hälfte der Menschen weltweit in Städten, Tendenz steigend. Der jüngste IPCC-Sonderbericht zur Erderwärmung weist der nachhaltigen Stadtentwicklung eine besonders hohe Bedeutung zu, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Schon heute existiert es ein breites Instrumentarium, das hierbei eingesetzt werden kann, wie ein ergänzender IPCC-Städte-Bericht für politische Entscheider zeigt. Städte brauchen neue Ideen. Das frisch erschienene "Handbuch Stadtkonzepte" gibt einen umfassenden Überblick über die gesellschaftliche Debatte zur Zukunft der Städte und aktuelle Lösungsansätze.

Der Sonderbericht des Weltklimarats (IPCC) zur Erderwärmung und der Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels (Special Report on Global Warming of 1.5°C, kurz SR1.5) hat im vergangenen Oktober weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Seit fast 30 Jahren fasst der IPCC regelmäßig den wissenschaftlichen Sachstand zur Erderwärmung zusammen. Doch diesmal trat in dem Bericht eine besondere Klarheit und Schärfe zutage, wo die Menschheit heute steht und was sie erwartet, wenn die Erderwärmung weiter im  bisherigen Tempo voranschreitet.

Nicht nur Wetterextreme wie die Dürre des Jahres 2018 und die damit verbundenen Ernteeinbrüche werden uns nach Aussage des IPCC zunehmend beschäftigen. Auch der Meeresspiegel wird kontinuierlich ansteigen mit all den damit verbundenen Risiken für Menschen, die in küstennahen Regionen leben. Da wir uns bei der gegenwärtigen Art des Wirtschaftens realistischerweise auf drei oder vier Grad Erwärmung gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zubewegen und das angestrebte 1,5-Grad-Ziel in immer weitere Ferne rückt, ist konsequentes Handeln drängender denn je, um Emissionen zu verringern und auch nachhaltig Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu bekommen.

Den Städten kommt hierbei eine Schlüsselstellung zu. Nicht nur weil bereits heute die Hälfte der Menschheit in Städten lebt, Tendenz stark ansteigend. Sondern weil das starke Wachstum urbaner Agglomerationen immense Ressourcen benötigt und daher möglichst klimagerecht gestaltet werden muss. Urbane Gebiete sind schon heute eine Hauptquelle von Treibhausgasen. Untersuchungen zufolge sind sie derzeit für rund 70 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs verantwortlich.

Um Ansatzpunkte für notwendige Veränderung aufzuzeigen, haben 18 wissenschaftliche Autorinnen und Autoren des IPCC-Sonderberichts, die wesentlichen Inhalte auf die Situation von Städten übertragen und in einer eigenen Publikation für Nichtregierungsorganisationen und politische Entscheider zusammengefasst. Daran beteiligt war Daniela Jacob, Direktorin des Climate Service Center Germany. Sie ist auch eine der drei koordinierenden Leitautoren des übergreifenden IPCC-SR1.5-Grad-Berichts.

Dem Bericht zufolge stecken im prognostizierten Wachstum der Städte nicht nur Risiken, sondern auch große Chancen. Folgende Bereiche werden genannt:

  • Bauten und Infrastruktur: Städte können zum Testfeld für Innovation werden, wenn es um niedrige Emissionen oder gar Null-Emissionen geht. Da Gebäude heute bereits für mehr als ein Drittel des Energieverbrauchs stehen, sind hier die Potenziale für mehr Nachhaltigkeit besonders groß. Dies betrifft nicht nur den Energieverbrauch, sondern auch die Verwendung nachhaltiger oder recycelter Rohstoffe beim Neubau. Um Hitzeinseln zu vermeiden und die Anfälligkeit bei Starkregen und Überschwemmungen zu verhindern muss die grüne Infrastruktur der Stadt gestärkt werden.
  • Energieversorgung: Bei der Versorgung der Städte muss auf eine Reduzierung von fossilen Brennstoffen und die verstärkte Nutzung erneuerbare Energien geachtet werden.
  • Transport: Anstelle von Verbrennungsmotoren muss die Mobilität in den Städten dekarbonisiert werden. Null-Emissionen-Fahrzeuge und der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrssystems bieten hier konkrete Ansatzpunkte. Aber auch die Förderung bestimmter Lebensstile wie dem Fahrradfahren kann den Energiebedarf der Stadt senken.
  • Industrie: Die städtischen und industriellen Systeme stehen in enger Wechselwirkung. Hier wird eine engere Symbiose angestrebt, etwa beim Einsatz von Energie oder Wasser. Industrieparks sollten enger mit städtischen Gebieten verbunden werden.
  • Verbindung von Stadt und Land: Gerade beim Übergang von städtischen in ländliche Gebiete sollte darauf geachtet, dass Kohlenstoffsenken wie beispielsweise innerstädtische Wälder angelegt werden bzw. erhalten bleiben. Aber auch vorhandene Ökosysteme wie Küsten-, Feucht- und Flussgebiete müssen stärker in den Vordergrund rücken.
  • Technologische Innovationen: Intelligente Netze und Mikro-Grid-Technologien können genutzt werden, um Energieverbrauchsmuster zu erkennen, die besonders CO2-intensiv sind. Durch sie lässt sich auch der öffentliche Nahverkehr effizienter gestalten und das Fahrzeug-Sharing stärken. Um diese Anwendungen zu fördern, müssen vermehrt Kooperationen zwischen Unternehmen sowie Politik und Behörden stattfinden.

Es gibt also viele Ansatzpunkte für mehr Klimaschutz in und durch Städte – von einer nachhaltigeren Flächennutzung und Stadtplanung, über neue Mobilitätskonzepte bis hin zu Null-Energie-Häusern oder ganzen Null-Emissions-Zonen innerhalb einer Stadt. Durch eine kluge Verbindung der Elemente lassen sich positive Synergien bilden. Dazu ein Beispiel: Einerseits verbessert der Umstieg auf Null-Emissionen-Fahrzeuge  die Luftqualität in Innenstädten. Gleichzeitig wirkt sich dieser Schritt positiv auf die Gesundheit der Bevölkerung aus, weil beispielsweise Feinstaubwerte sinken. Zweites Beispiel: Betrachtet man den Ausbau von innerstädtischen Grünflächen, kann man klar belegen, dass die Förderung von Parks und Stadtwäldern den Beitrag der Stadt beim Kampf gegen den Klimawandel erhöht, weil diese Grünflächen wertvolle Kohlenstoffspeicher in der Stadt bilden. Gleichzeitig handelt es sich beim Ausbau der grünen Infrastruktur um eine sinnvolle Anpassungsmaßnahme an den Klimawandel, mit deren Hilfe sich Wärme- und Hitzeinseln in Innenstädten verringern lassen.

Aber es kann auch zu Zielkonflikten kommen. So kann die innerstädtische Nachverdichtung zwar helfen, den Baudruck an den Rändern zu mindern. Dies hätte nicht nur positive Effekte auf die dortigen Grünflächen oder könnte dem weiteren Anstieg von Pendlerströmen entgegenwirken. Aber jeder Wegfall von Grünflächen in der Innenstadt erhöht dort mit hoher Wahrscheinlichkeit die Temperatur mit allen negativen Auswirkungen beispielsweise auf Lebensqualität oder die Gesundheit von Menschen. Hitzeinseln können den Einsatz von Klimaanlagen beschleunigen, was wiederum zu einer Erhöhung des Energieverbrauchs führt.

Neue Stadtkonzepte gefragt

Aufgrund ihrer Schlüsselstellung im Klimawandel verfügen Städte über die Macht, die Auswirkungen des Klimawandels zu stärken oder zu schwächen. Und sie haben die Möglichkeit, die Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels auf einer systemischen Ebene anzugehen. Oftmals können sie schneller als andere Regierungsebenen handeln, skalierbare Lösungen leichter entwickeln und bestehende Entscheidungen schneller modifizieren, wenn es die Situation erfordert.

Viele Städte arbeiten an geeigneten Anpassungsstrategien an den Klimawandel und verfügen über wertvolle Erfahrungen, die sie mit anderen urbanen Regionen teilen können. Dabei kommt es auf ein entsprechendes politisches Bewusstsein und eine vorausschauende Regierungsführung an, um die bestehenden Optionen für die eigenen Städte wirksam zu nutzen. Viele Städte orientieren sich bei ihrer künftigen Ausrichtung an bereits existierenden Entwicklungskonzepten. Welche Idee sich bei dem Wettstreit um die Stadt von morgen durchsetzt, ist aber überhaupt noch nicht ausgemacht.

Eine umfassende Auswahl dieser Zukunftsmodelle zeigt eine neue Publikation von Dr. Annegret Haase und Prof. Dieter Rink, an der sich zahlreiche Experten und Stadtforscher beteiligt haben. In dem von ihnen herausgegebenen „Handbuch Stadtkonzepte“ sind gerade diejenigen besonders spannend, die den Anschluss an die Klimadebatte schaffen. Dazu zählt die „Grüne Stadt“ mit ihrem integrativen Ansatz, der ökologische, soziale und wirtschaftliche Fragen verknüpft. Integrativ ist auch die Idee der „Nachhaltigen Stadt“, aus der heraus sich große internationale Städtenetzwerke wie die C40 Cities Climate Leadership Group oder die Climate Alliance gebildet haben. Neue Anhaltspunkte, die eher technik- oder infrastrukturzentriert sind, bietet beispielsweise das Konzept der „Smart City“, das durch neue digitale Anwendungen und Verknüpfungen zu einem schonenderen Umgang mit Ressourcen kommen will.

Annegret Haase und Dieter Rink, die am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig (UFZ) arbeiten, weisen in ihrem Handbuch zu Recht darauf hin, dass „immer mehr politische Programmatiken – etwa der UN, der Weltbank oder der EU – Städte als eigenständige bzw. politische Akteure“ adressieren. Das heißt übersetzt: Städte agieren in zunehmender Weise selbständig und unabhängig von nationalstaatlichen Politiken und bilden dazu (globale) Netzwerke oder Interessengemeinschaften. Dabei ist der Wandel Programm, denn klassische Stadtkonzepte wie das der modernen oder autogerechten Stadt gelten heute vielfach als gescheitert. Dieses Versagen begünstigt das Aufkommen neuer Handlungsstrategien für die Entwicklung der Städte und zunehmend sind es die Stadtbewohner selbst, die die Umgestaltung ihrer schnell wachsenden Städte einfordern, um die Lebensqualität dort zu erhalten.

Städte sind Treiber des Klimawandels, gleichzeitig stehen sie unter dem Druck, sich an den Klimawandel anpassen zu müssen. Daher haben neue Stadtkonzepte wie das der „Resilienten Stadt“ oder der „Schwammstadt“ (engl. „Sponge-City“) Konjunktur. Sie setzen auf eine Verbesserung der Widerstandskraft, einen erhöhten Schutz und die Bewältigung von extremen Wetterereignissen. Städte, die sich an diesen Konzepten ausrichten, wollen sich fit machen für die negativen Auswirkungen des Klimawandels und ihre Verletzungsanfälligkeit verringern.

Inwieweit Staaten und lokale Einheiten wie Städte und Kommunen tatsächlich in der Lage sind, etwa bei Hochwasser oder Starkregen umfassend Vorsorge für Ihre Bewohner sicherzustellen oder ob nicht am Ende des Tages die Individuen selber für die Sicherstellung der eigenen Resilienz verantwortlich gemacht werden, ist noch unklar. Denn die Kosten für einen klimagerechten Umbau der Städte sind immens. Auf globaler Ebene sind schon heute die Voraussetzungen der Städte für die Anpassung an den Klimawandel höchst unterschiedlich verteilt. Im Buch „Stadtkonzepte“ von Haase und Rink findet sich dazu die treffende Aussage: „Während einige Akteure finanziell, kulturell, mental und auch psychisch in der Lage sein werden, ihre Resilienz zu sichern, werden andere diese Fähigkeit möglicherweise nicht haben.“

Text: Oliver Jorzik (ESKP), fachliche Durchsicht: Dr. Diana Rechid, Climate Service Center Germany des Helmholtz-Zentrum Geesthacht (HZG)

Quellen und weiterführende Informationen

  IPCC — Intergovernmental Panel on Climate Change (2018): Special Report: Global Warming of 1,5 º C. Link

  Global Covenant of Mayors for Climate & Energy / C40 (2018): Summary for urban policy makers: What the IPCC Special Report on global warming on 1.5°C means for cities. Link

  Deutscher Städtetag, Deutscher Städte- und Gemeindebund, University of Cambridge, klimafakten.de: Klimawandel: Was er für Städte bedeutet? Link

  Rink, Dieter; Haase, Annegret (Hrsg./2018): Handbuch Stadtkonzepte. UTB Hardcover. Link

  ESKP-Themenspezial (2018): Metropolen unter Druck. So werden Städte zukunftsfähiger. Link

  NDR-Interview mit Dieter Rink (2019): Wo stoßen Megacities an ihre Grenzen? Link

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