Klimaökonom Reimund Schwarze* vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung zieht im Interview mit ESKP Bilanz über die Klimaverhandlungen in Paris und sieht trotz Schwächen im Weltklimavertrag positive Signale aus Paris.

Was hat der Klimagipfel an Ergebnissen gebracht?

Zuallererst hat der Gipfel gezeigt, dass eine weltweite Klimaschutzkooperation in Verhandlungen möglich ist. Daran gab es nach dem Scheitern in Kopenhagen vor sechs Jahren erhebliche Zweifel und zahlreiche Ideen, wie der Klimaschutz regional und lokal durch Städte und die Wirtschaft organisiert werden könnte. Ich bin davon überzeugt, dass beides zusammengehört: Globale Verträge und subglobale Anstrengungen der Bürgergesellschaft. Mit den positiven Signalen aus Paris werden die vielfältigen Vorreiter-Initiativen der Städte und der Wirtschaft ganz neue Fahrt aufnehmen.   
 
Sind die Beschlüsse ausreichend bzw. verbindlich genug?

Die Beschlüsse sind visionär und reichen weit in die Zukunft. Im Bereich der Umsetzung und der Zwischenschritte bis 2050 bleiben sie allerdings recht vage. Der Prozess der schrittweisen Verschärfung eröffnet zwar eine Option, aber ob ein 5-Jahreszyklus ab 2023 reicht, wage ich zu bezweifeln. Bis 2020 setzt das Parisabkommen ohnehin hauptsächlich auf die nichtstaatlichen Akteure, d.h. die Städte und die Wirtschaft. Die Vision des vollständigen Verzichts auf Kohle, Öl und Gas bis zur Jahrhundertmitte wird vor allem die Finanzwirtschaft beflügeln, die schon begonnene Umschichtung Ihrer Energieportfolios massiv zu verstärken.  

Was war in Paris anders im Vergleich zu den vorherigen 20 Klimagipfeln?

Es war vieles anders: Die Staats- und Regierungschefs zu Beginn, die effiziente, schnell reagierende Diplomatie der Franzosen in jeder Verhandlungssituation und die lange, fast einjährige Vorbereitung durch einen Verhandlungsmarathon in Bonn und anderen Orten. Allerdings würde ich gern den Scheinwerfer auf eine Entwicklung werfen, die nicht erst in Paris oder im letzten Jahr eingesetzt hat. Mit der Übernahme der Verhandlungsführung und der Beteiligung der Diplomaten aus den Außenministerien haben die Klimaverhandlungen bereits seit Durban ein ganz anderes Gepränge bekommen. Heute kennt jeder die "Indaba", also ein aus den Regionalgruppen der Länder gelöstes Verfahren der Auslotung von Kompromisslinien oder das System der Emissäre zur Lösung der großen Probleme. Eingeführt wurden diese Verfahren der Verhandlungsführung aber schon in Durban von der südafrikanischen Präsidentin Maite Nkoana-Mashabana.

Die G7-Statten haben einen finanziellen Grundstock für eine Klimaversicherung gelegt. Was versteckt sich dahinter? Wie geht es weiter?

Dahinter verbirgt sich die sehr strittige und auch nach Paris ungelöste Frage, wie mit den bereits jetzt unvermeidbaren Verlusten und Schäden aus dem Klimawandel ("Loss and Damage") umzugehen ist. In Paris hat diese Frage eine diplomatisch wichtige Rolle gespielt, um die ärmsten und von Klimawandel am meisten betroffenen Länder der Südsee in eine Koalition mit den Industrieländern zu bewegen. Versicherungen sind eine im Parisabkommen genannte Strategie der Bewältigung von "Loss and Damage". Die G7-Staaten haben dafür 400 Millionen US-Dollar als Fördermittel zur Verfügung gestellt. Ich selber bin skeptisch, ob Versicherungslösungen hier ein probates Instrument sind, weil es doch überwiegend um nicht-materielle Werte wie Leben, Ökosysteme und kulturelle Selbstbestimmung geht.

*Prof. Reimund Schwarze koordiniert die Forschung zu "Klimawandel und Extremereignissen" am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig (UFZ) und leitet das Thema "Risikoanalyse und Risikomanagement für integrierte Klimastrategien" in der REKLIM-Initiative der Helmholtz-Gemeinschaft.

Das Interview führte Karl Dzuba (Deutsches GeoForschungsZentrum)

Linktipps:
- Weitere Stimmen aus der Wissenschaft zum Weltklimavertrag auf helmholtz.de

- Der Pariser Vertragstext im Wortlaut

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