Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit in Deutschland

Multikausale Zusammenhänge machen konkrete Prognosen schwer.

Der Klimawandel geht unter anderem mit einer Erhöhung der Durchschnittstemperatur einher: dieser Zusammenhang scheint inzwischen kommuniziert. Hitzeperioden werden häufiger und möglicherweise auch länger andauern. Dass der Klimawandel direkt und indirekt auch andere Auswirkungen als hitzebedingte auf die Gesundheit haben kann, ist weniger bekannt. Das gerade erschienene Kompendium „Klimawandel in Deutschland“ legt erstmals die Facetten des Klimawandels in einer wissenschaftlichen Gesamtschau dar. Aus dem Kapitel Gesundheit werden die wichtigsten Eckpunkte hier zusammengefasst.

UV-Strahlung

Aufgrund ihrer biologischen bzw. karzinogenen Wirkung ist UV-B Strahlung für den Menschen besonders relevant. Möglicherweise kann eine sich erhöhende Umgebungstemperatur  diese Wirkung noch verstärken, wie Versuche an Mäusen gezeigt haben. Höhere Durchschnittstemperaturen können dazu führen, dass sich Menschen häufiger im Freien aufhalten. Durch diese Verhaltensänderungen steigt möglicherweise die Exposition gegenüber ultravioletter Strahlung an. Das menschliche (Expositions-) Verhalten ist die maßgebliche Größe für das Auftreten UV-strahlungsspezifischer Erkrankungen, denn die Ozonschicht, die ultraviolette Strahlung unzureichend absorbierte, wird sich voraussichtlich bis 2060 regeneriert haben. Neben dem Gesamt-Ozongehalt beeinflussen Sonnenstand, Bewölkung und Aerosole die UV-Strahlungsintensität auf der Erdoberfläche. Beim malignen Melanom, der bösartigsten Form des Hautkrebses, ist vor allem die UV-Exposition in der Kindheit von Bedeutung. So können zahlreiche Sonnenbrände im Kindesalter das Melanomrisiko deutlich erhöhen. Die Rate der Neuerkrankungen steigt im Übrigen von Jahr zu Jahr und verdoppelt sich gar alle 10-15 Jahre. Hautkrebs ist die inzwischen häufigste Krebserkrankung in Deutschland.

Pollensaison zeigt bereits heute Veränderungen

Wenig Einfluss können Allergiker auf ihre Exposition gegenüber Allergenen nehmen. Für sie bedeutet der Klimawandel zunächst eine Veränderung der Pollensaison. Von Allergien betroffen sind, laut Robert-Koch Institut, knapp ein Drittel der deutschen Bevölkerung. 14,9 % der Bevölkerung leiden unter Heuschnupfen. Insbesondere Gräser blühen heute schon im Schnitt länger. Die Temperatur bestimmt auch, ob die hoch allergene, invasive Ambrosia-Pflanze (Ambrosia artemisiifolia) bis in den November hinein Samen ausreifen kann. Momentan finden sich Pflanzenbestände vor allem im Rheintal, Südhessen, Ostbayern sowie Berlin und Brandenburg. Die wärmeliebende Art wird sich bei steigenden Temperaturen sehr wahrscheinlich weiter ausbreiten. Während die Temperatur die Vegetationsperiode mitbestimmt, hat das Treibhausgas Kohlendioxid einen verstärkenden Effekt auf die produzierte Pollenmenge von Ambrosia.

Zecken werden im Winter weniger dezimiert und erobern neue Gebiete

Der Klimawandel könnte sich des Weiteren günstig auf den Überträger des Bakteriums Borrelia burgdorferi auswirken: die Schildzecke (Ixodes ricinus) wird Wintern ohne Kälteextrema (> -12°C) weniger dezimiert. Mildere Winter führen dazu, dass die Wirtssuche ohne Winterruhe kontinuierlich fortgesetzt wird. In Deutschland ist unter Berücksichtigung bisheriger Erkenntnisse nach einem Zeckenstich bei 1,5 - 6% der Betroffenen mit einer Erkrankung an Borreliose zu rechnen. In der Regel vornehmlich zwischen März und Oktober. Auch Vögel und kleinere Nagetiere, die den Borreliose-Erreger als Reservoirtiere an die Zecke weitergeben, werden von milderen Wintern profitieren. Trockenheit hingegen wirkt sich negativ auf Zeckenpopulationen aus. Schildzecken sind auch Überträger der sogenannten Frühsommermeningitis (FSME), einer Virusinfektion. Ein eindeutiger klimawandel-bedingter Trend zeichnet sich in den FSME Infektionszahlen noch nicht ab.

Lebensmittelbedingte Infektionen

Bei einem Temperaturanstieg im Frühjahr und Sommer kommt es zu mehr bakteriell bedingten Darmentzündungen. Grund sind häufig Bakterien der Gattung Campylobacter. Sie benötigen zum Wachstum nicht nur Feuchtigkeit und Nährstoffe, sondern auch Temperaturen von mindestens 30°C. Die Bakterien kommen in Lebensmitteln, so zum Beispiel in ungenügend erhitztem Geflügelfleisch, Rohmilch oder Speiseeis vor. Die Campylobacteriose äußert sich in der Regel als schwere Durchfallerkrankung mit Fieber und Unterbauchkrämpfen. Eine weitere häufige Durchfallerkrankung wird von Salmonellen ausgelöst. Diese Bakterien vermehren sich zudem auch noch außerhalb der Wirtstiere, bei hohen Temperaturen dann wesentlich schneller. Für Salmonellen im Fleisch konnte nachgewiesen werden, dass Krankheitsfälle linear mit der Temperatur steigen und zwar um beachtliche 5-10 % pro Grad Celsius ab einer Schwelle von 6°C. Inwieweit der Klimawandel den Anstieg dieser Infektionen beeinflusst, ist noch nicht genau belegt.

Hitzeperioden bleiben der größte Risikofaktor

Hitzestress belastet insbesondere kreislaufgeschwächte Menschen überproportional. Die Regulation der Körpertemperatur funktioniert bei Säuglingen, Kindern, älteren und kranken Menschen weniger gut. Ein Säugling etwa besitzt zwar im Schnitt ungefähr 6,5 Mal so viele Schweißdrüsen wie ein Erwachsener, produziert aber nur ein Drittel der Schweißmenge. Der ausbleibende, kühlende Effekt macht unter anderem Kleinkinder wesentlich anfälliger für Hitzestress. Die EuroHEAT-Studie untersuchte in mehreren europäischen Ländern die sogenannte Übersterblichkeit, d.h. die zusätzlich auftretenden Todesfällen über das normale Maß hinaus, für die Hitzewelle im Jahre 2003. Mit 50000–70000 zusätzlichen Todesfällen erwies sich diese „Naturkatastrophe“ als überaus bedeutend. Zudem konnte ein Kombinationseffekt nachgewiesen werden, wenn bei trocken-heißer Witterung zusätzlich mehr bodennahes Ozon gebildet wird. Da Städte bis zu 10 °C wärmer als das Umland sein können, sind die hier lebenden Menschen im Sommer, vor allem alleinstehende Senioren, besonders gefährdet.

Deutschland wird in einem 2°C Erwärmungsszenario vermutlich mit den gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels umgehen können. Steigt die Temperatur hingegen bis Ende des Jahrhunderts um 4°C, wären auch Anpassungsmaßnahmen nötig, die die Überträger von zum Teil tropischen Infektionskrankheiten berücksichtigen: Aedes- und Sandmücken (Phlebotominae). Insbesondere die im südlichen Europa verbreitete kutane Leishmaniose, die mit Hautläsionen einhergeht, könnte sich auch in Oberrheinnähe und Nordrhein-Westfalen etablieren. Autochthone Dengue-Virus Infektionen wäre in diesem Szenario ebenfalls wahrscheinlicher.

Text: ESKP - Jana Kandarr, fachliche Durchsicht: Dr. Jobst Augustin

Quellen

 Augustin J, Sauerborn R, Burkart K, Endlicher W, Jochner S, Koppe C; Menzel A; Mücke H-G, Herrmann A (2017): Gesundheit. IN: Brasseur G (Hrsg.), Jacob D, Schuck-Zöller S (2017): Klimawandel in Deutschland. DOI 10.1007/978-3-662-50397-3
 Eis, D., Helm, D., Laußmann, D., Stark, K. (2010): Klimawandel und Gesundheit – Ein Sachstandsbericht. Hrsg.: Robert Koch-Institut, Berlin.
 Mit Hilfe der App „Ambrosia Scout“ der Freien Universität Berlin kann aktiv bei Bekämpfung der hoch allergenen Pflanze in ganz Deutschland mitgewirkt werden.

Weiterführende Information

Verändern Umweltschadstoffe die Aggressivität von Pollen? Das Helmholtz-Zentrum München (HMGU) konnte in mehreren Versuchen zeigen, dass Umweltschadstoffe, wie Ozon, Feinstaub oder Stickoxide, Pollen selbst verändern. Allergieauslösende Proteine und andere proentzündliche Substanzen werden vermehrt darin produziert und sogar neuartige Allergene gebildet. Das ausführliche Interview mit Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann vom HMGU zum Stand der Forschung lesen Sie hier.

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