Elefanten, Ziegen, Ameisen, Kröten und Fische, werden übermenschliche Eigenschaften und Fähigkeiten zugeschrieben, mit denen sie in der Lage sind, vor Naturkatastrophen wie etwa einem Erdbeben zu warnen. Was daran ist jedoch Wahrheit und was Legende, was belegbarer Beweis und was phantasiereiche Erzählung? Reagieren bestimmte Tierarten möglicherweise empfindlicher auf Erschütterungen des Untergrunds, auf elektromagnetische Signale oder auf Veränderungen der Luftzusammensetzung und wären sie damit tatsächlich so genannte sekundäre Indikatoren für Erdbeben?

Haben Tiere einen sechsten Sinn?

Wissenschaftler des GeoForschungsZentrums Potsdam (GFZ) haben den vermeintlich wissenschaftlich fundierten Belegen auf den Zahn gefühlt, besondere Fähigkeiten von Tieren bei drohenden Erdbeben zu erkennen. In die Meta-Analyse gingen mehr als 700 Beobachtungen auffälligen Verhaltens ein, die bei 160 Erdbeben gemacht wurden und mehr als 130 Arten betreffen – von Schafen bis hin zu Schlangen und Fischen. Die meisten Berichte stammen aus Neuseeland, Japan, Italien und Taiwan.

Das Problem der 180 ausgewerteten Publikationen: Die dokumentierten Beobachtungen waren oft nur anekdotisch. Es wurden lediglich 14 Messreihen veröffentlicht, während es sich bei den anderen Aufzeichnungen um Einzelbeobachtungen handelte. Es fanden sich auch in diesen Auswertungen keine systematischen Beobachtungen über längere Zeiträume hinweg – der längste Beobachtungszeitraum betrug ein Jahr. Zwar beschäftigten sich viele Studien mit abweichendem Verhalten, aber es war unklar, was überhaupt abweichendes Verhalten ist und welche Verhaltensanomalien ausgewertet werden. Das ernüchternde Fazit: Es ist keine klare und eindeutige Aussage möglich, dass Tiere so etwas wie einen sechsten Sinn haben. Der Wunsch nach der verlässlichen Vorhersagbarkeit von Erdbeben bleibt zunächst ein Wunsch. Jedoch finden sich laut Studie Hinweise darauf, dass Tiere möglicherweise auf Vorbeben reagieren.

Mehr als 90 Prozent aller Tier-Anomalien wurden innerhalb von 60 Tagen vor dem Beben in einer Entfernung bis zu 100 km vom Epizentrum gemacht. Die Autoren gingen der Frage nach: „Wieviel Vorbeben gibt es innerhalb von 60 Tagen und 100 km vor Erdbeben der Magnitude 6 und größer?“ Die Auswertung eines internationalen Erdbebenkatalog ergab, daß das raum-zeitliche Verhalten der Tier-Anomalien auffallend mit dem Muster der Vorbeben übereinstimmt. Aus der Ähnlichkeit der Muster wurde gefolgert, dass ein Teil der Tier-Anomalien schlicht durch die Vorbeben erklärbar ist.

Tiergeschichten haben Konjunktur – vor allem im Internet

Ein großer Resonanzraum, in dem sich hartnäckig Geschichten über die außergewöhnlichen Warnfähigkeiten von Tieren halten, ist das Internet. Die Studie der GFZ-Forscher zeigt, dass in der öffentlichen Wahrnehmung – belegt etwa durch die Trefferanzeigen bei Google-Anfragen – das abnormale Verhalten von Tieren als möglicher Vorläufer eine Erdbebens gegenüber der Anzahl an wissenschaftlichen Publikationen dazu ganz klar überwiegt. Hier eröffnet sich ein riesiges Forum für Spekulationen und Sensationslust. Ungewöhnliche Tierstories haben im Netz Konjunktur, und Tiere, die Erdbeben vermeintlich vorhersagen können, sind immer eine Schlagzeile wert. In den sozialen Medien gibt es darüber hinaus endlos viele Schilderungen ungewöhnlicher Verhaltensweisen von Hunden, Katzen oder Vögeln vor einem Erdbeben. Aber auch diese Berichte sind persönlich eingefärbt und schwer überprüfbar. Für eine wissenschaftliche Auswertung sind solche Einzelschilderungen nicht brauchbar.

Ginge man wissenschaftlich an die Frage heran, bräuchte man valide Datensätze über längere Zeiträume hinweg. Man müsste weitere Umweltbedingungen wie Temperatur, Niederschläge oder Gewitter in die Analyse einbeziehen. Zudem wäre es notwendig, den Gesundheitszustand und die Anzahl der beobachteten Tiere festzuhalten. Und man bräuchte klare Kriterien, welches Verhalten als normal und welches als unnormal bezeichnet wird. Hier müssen erst zahlreiche methodische Fragen geklärt werden, um brauchbare und übertragbare Informationen zu erhalten. Unter stabilen Umweltbedingungen ließe sich ein ungewöhnliches Verhalten am ehesten schlüssig beweisen.

Text: Oliver Jorzik (ESKP), fachliche Durchsicht: Prof. Dr. Torsten Dahm, Dr. Heiko Woith (GFZ)

Quellen

  Woith, H., Petersen, G. M., Hainzl, S. & Dahm, T. (2018). Can Animals Predict Earthquakes? Bulletin of the Seismological Society of America, 108(3A), 1031-1045. doi:10.1785/012017031

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