Fünf Jahre nach dem Tohoku-Beben

Wie unterscheiden sich die ursprünglichen Schadensschätzungen von den bis 2016 tatsächlich beobachteten Folgen?

Seit dem Erdbeben in der Region Tohoku im März 2011 sind in Japan zahlreiche Berichte über die Folgen des Bebens veröffentlicht worden: mehr als 150 Berichte der Japanischen Behörde für Katastrophenmanagement, über 1.600 der Präfektur Fukushima und mehr als 500 der Nationalen Polizei.
Dr. James Daniell vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) hat direkt nach dem Erdbeben 2011 die Schäden mit Hilfe seines Modells zur schnellen Schadensschätzung von Erdbeben taxiert und seitdem die Angaben zu Todesopfern und Schäden stetig weiterverfolgt.

Mit Hilfe des CATDAT-Modells zur schnellen Schadensschätzung, das er am KIT im interdisziplinären Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM) entwickelt hat, war es bereits in den ersten Minuten nach dem schwersten jemals in Japan gemessenen Erdbeben möglich, dessen sozioökonomische Folgen abzuschätzen. In den darauf folgenden Stunden und Tagen ließen sich diese Schätzungen auf Basis der jeweils aktuellen Informationslage noch weiter verbessern und dabei die Folgen des Erdbebens, des Tsunami und der Nuklearkatastrophe von Fukushima getrennt berücksichtigen. Zur Abschätzung der Schäden durch den vom Erdbeben ausgelösten Tsunami wurden zusätzlich historische Analysen von früheren Tsunamiereignissen in Japan sowie Überschwemmungsdaten herangezogen1.

2011 beliefen sich die mit dem Modell abschließend geschätzten ökonomischen Schäden des Erbebens auf folgende Zahlen (in Mrd. US Dollar, angepasst an den durchschnittlichen Wechselkurs während des Wiederaufbaus)2.

Economic Costs in bn USD (2011-2016 adj.) due to the large exchange rate change from 2011 to 2016.

Modell: CATDAT (2011) (1,2)

Erdbeben

Tsunami

Kernkraftwerk

Direkte Schäden

104-129 (42%)

93-120 (39%)

48-59 (19%)

Indirekte Schäden

57-109

53-94

42-75

Gesamtwirtschaftlicher Schaden

161-240 (41%)

146-214 (36%)

90-134 (23%)

Staatliche Schätzungen 2016 (3)

Erdbeben / Tsunami

Kernkraftwerk

Direkte Schäden

$230-240 billion (2011-2016, Govt.)

56

Indirekte Schäden

keine Schätzung (Finanzkrise)

62

Gesamtwirtschaftlicher Schaden

$230-240 + Indirekte Schäden

118

*Ökonomische Schäden in Mrd. USD (angepasst an durchschnittlichen Wechselkurs 2011-2016 wegen der Wechselkursschwankungen von 2011 bis 2016).

Fünf Jahre nach dem Erdbeben hat sich gezeigt, dass die modellierten Schadensschätzungen aus dem Jahr 2011 sehr nahe an den abschließenden, aktuellen Zahlen liegen. Allerdings ist ungewiss, ob das wahre Ausmaß der indirekten Schäden aufgrund der Fluktuationen des Yen, der Nuklearkatastrophe und wegen der unvollständigen Zählungen jemals vollständig erfasst werden kann. Die Schadenssumme liegt weit über 350 Milliarden US Dollar und ist damit der höchste finanzielle Schaden, der jemals durch ein Erdbeben verursacht worden ist. Die Zahlen sind aber nur die eine Seite, auf der anderen Seite sind fünf Jahre nach der Nuklearkatastrophe noch immer über 98.000 Personen in der Provinz Fukushima als Vertrieben zu zählen und weitere 115.000 Menschen in anderen Provinzen wegen des Erdbebens und/oder des Tsunami wohnungslos. Hinzu kommt, dass trotz fallender Preise in anderen Sektoren der Strompreis in erster Linie wegen des Wegfalls von Kernkraftnutzung um 34% gestiegen ist. Von den etwa 1 Million zerstörter oder beschädigter Gebäude müssen noch immer viele wieder aufgebaut werden. Die Bevölkerung und auch die Wirtschaft in der Region sind also noch immer großen Belastungen ausgesetzt.

Die Anzahl der Todesopfer durch das Erdbeben, die durch die Modellrechnungen ermittelt wurden, beliefen sich auf 133 bis 781 mit einem mittleren Schätzwert von 420. Fünf Jahre später ergaben japanische Zählungen, dass etwa 700 (4,5%) Todesopfer (durch Gebäudeeinsturz; Erdrücken, Quetschverletzungen) zu beklagen sind. Es wird davon ausgegangen, dass davon etwa 250 Menschen durch das Erdbeben und die weiteren Opfer durch den Tsunami bzw. die dadurch jeweils zerstörten Gebäude ums Leben gekommen sind. 151 Menschen starben durch Verbrennungen.

Der Tsunami und das Erdbeben forderten insgesamt 15.894 Tote und etwa 2.590 Vermisste (über 94,6% durch Ertrinken; 65,8% der Todesofer waren über 60 Jahre und älter). Durch weitere Ursachen in Folge des Erdbebens wie Krankheit, Selbstmord und psychischem Stress sind bis Februar 2016 weitere 3.450 Menschen gestorben, einschließlich 2.028 in Fukushima. Insgesamt wurden daher fast 22.000 Todesopfer ermittelt.

Gemeinsam mit seinem CEDIM-Kollegen, Andreas Schaefer, der ein weltweites Modell der Gefährdung und des Risikos durch Tsunamis entwickelt, verfolgt James Daniell das Ziel, schnelle und akkurate Schadensschätzungen zu entwickeln (5). Auf deren Basis sind Regierungen und Hilfsorganisationen schneller und akkurater informiert und können damit auch besser finanziell als auch gesellschaftlich auf Katastrophen reagieren.

Text und Daten in Kooperation mit CEDIM, einer interdisziplinären Forschungseinrichtung des Karlsruher Instituts für Technologie.

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