Chancen und Ziele der Katastrophenvorsorge

Im Interview spricht Dr. Alexander Rudloff über Ergebnisse, Pläne und Ziele der Konferenz der Vereinten Nationen zur Katastrophenvorsorge in Sendai.

Auf der Weltkonferenz zur Katastrophenvorsorge im japanischen Sendai vom 14. bis 18. März 2015 haben sich Mitgliedsländer der Vereinten Nationen auf einen neuen Rahmenplan zur Verringerung von Naturkatastrophen geeinigt. Dr. Alexander Rudloff vom Deutschen Geoforschungszentrum war vor Ort und schildert im Interview mit der Wissensplattform Erde und Umwelt seine Eindrücke.

Welche wesentlichen Ziele und Neuerungen hat die UN-Konferenz in Sendai gebracht?

Zuerst einmal gibt es ein neues Rahmenwerk für die kommenden 15 Jahre (2015–2030), das den Namen des Tagungsortes Sendai trägt. Dies war allerdings eine schwere Geburt, denn das Abschlussdokument konnte erst spät am Abschlusstag, deutlich nach der für Nachmittag geplanten „Closing Ceremony“, vereinbart werden.

Halten Sie das Vertragspapier für einen Durchbruch in der Katastrophenvorsorge?

Das Vertragspapier ist zuerst ein Erfolg, der Durchbruch gelingt aber nur mit der konsequenten Umsetzung von verschiedenen erwähnten Maßnahmen. Hierbei spielen auch einheitliche Standards, transparente Qualitätsmaßstäbe, Erfolgskontrollen und entsprechende Berichte eine entscheidende Rolle.

Welche Kritikpunkte haben Sie?

Wenn überhaupt nur wenige. Die Gastgeber in Sendai haben sich große Mühe gegeben, bereits nur vier Jahre nach dem Tohoku-Erdbeben und –Tsunami wieder rund 6.000 internationale Gäste in Ihrer Stadt zu begrüßen und zu beherbergen. Einige der Veranstaltungsorte im Stadtgebiet waren nicht immer glücklich positioniert. Einzelne aber, wie zum Beispiel die Mediathek, waren exzellent gewählt und haben zur Sichtbarkeit des Themas im Stadtbild und bei der Bevölkerung beigetragen. Eine Beobachtung noch am Rande: Offensichtlich war, das Verhandlungs- und Expertendelegationen nicht immer die gleiche Sprache fanden. Aber dies ist ein klassisches Merkmal großer internationaler UN-Kongresse.

Ein wichtiges Ziel ist, die Todesopfer und wirtschaftlichen Schäden zu minimieren? Wie und mit welchen Mitteln soll das erfolgen?

Es gelten nach wie vor die Klassiker „Vulnerability“ = Verletzlichkeit, „Awareness“ und „Preparedness“, also Aufmerksamkeit und Wachsamkeit sowie Vorbereitung (auf Gefahren). Inzwischen ist aber auch „Resilienz“, eine grundständige Widerstandsfähigkeit und die Aufrechterhaltung wichtiger Funktionen, ein großes Thema. Viele Gemeinschaften werden regelmäßig von hydrometeorologischen Gefahren (vor allem Stürmen, Starkwinden und Überschwemmungen) bedroht, lernen aber mit diesen umzugehen und ihnen ggf. zu trotzen. Auch „Build Back Better“, also besonnener und besserer Wiederaufbau ist ein neuer wichtiger Trend.

Frühwarnsysteme sollen verstärkt ausgebaut werden. Gibt es bereits konkrete Pläne, wann und welche Länder diese erhalten sollen?

Nein, zumindest ist mir nicht bekannt, dass es in Sendai konkrete „Abschlüsse“ gab. In der fachlichen „Early Warning“ Arbeitsgruppensitzung wurde aber zum Beispiel ein Vorschlag mehrerer Einrichtungen und Organisationen für ein so genanntes MHEWS vorgelegt, ein Multi-Hazard Early Warning System. Hier sollen beispielsweise vielzahlige „Sensorenketten“ Informationen zur Warnung vor verschiedenen Gefahren liefern. 

War der Pazifik-Zyklon „Pam“ Thema auf der Konferenz? Wie hat er sich auf die Stimmung und die Arbeit vor Ort ausgewirkt?

Die Auswirkungen von „Pam“ waren auf der WCDRR-III (World Conference on Disaster Risk reduction/Anm. d. Red.) gleich am Eröffnungstag ein großes Thema, lagen doch zu diesem Zeitpunkt nur erste, vage Information über den „Landfall“ des Zyklons auf Vanuatu vor. Glücklicherweise bestätigten sich die schlimmsten Befürchtungen, die auch Präsident Lonsdale in seiner Ansprache thematisierte, nicht.

Noch einmal zu „Pam“: Der Zyklon hatte sich bereits Tage zuvor angebahnt.  Was hätte der Inselstaat Vanuatu besser machen können und wie kann sich das Land zukünftig besser vorbereiten?

Das ist schwer zu beurteilen und muss dennoch analysiert werden. Allerdings haben sie bei Windgeschwindigkeiten von über 250 km/h, wie bei Pam gemessen, nur sehr geringe Ausweichchancen. Vor allem Sach- und Infrastrukturschäden kann man oftmals nicht mehr verhindern.

Viele Naturkatastrophen sind Folgen des Klimawandels. Inwieweit ist diese Thematik besprochen und in den Vertrag eingeflossen?

Die Folgen des Klimawandels waren auf der Konferenz ein ständiges Thema. Auch wenn sie aus unserer klassischen Sichtweise keine strenge Naturgefahr, wie Erdbeben, Tsunami oder Vulkanausbrüche sind, so sind sie doch für die betroffenen Regionen und Staaten ein sehr reelles Gefahrenpotenzial. Und hier schließt sich der Kreis dann auch wieder zum Zyklon „Pam“.

Das Interview führte Karl Dzuba, Wissensplattform Erde und Umwelt

Text, Fotos und Grafiken soweit nicht andere Lizenzen betroffen: eskp.de | CC BY 4.0
eskp.de | Earth System Knowledge Platform – die Wissensplattform des Forschungsbereichs Erde und Umwelt der Helmholtz-Gemeinschaft

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