In Zusammenarbeit zwischen deutschen und nepalesischen Wissenschaftlern wurde ein Verfahren entwickelt, um im dicht besiedelten Stadtkern Kathmandus geeignete freie Flächen zum Aufbau von Notunterkünften im Falle eines möglichen Erdbebens zu identifizieren. Die Methodik bewertet Freiflächen im Hinblick auf ihre Kapazität, ihre Erreichbarkeit und weitere Versorgungsmöglichkeiten, die für die Notfallplanung und damit zum Schutz der Bevölkerung essentiell sind. Die Methode Open Space Suitability Index (OSSI), wurde von Wissenschaftlern des Center of Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und des Südasien-Instituts (SAI) der Universität Heidelberg in Zusammenarbeit mit Experten der National Society for Earthquake Technology (NSET) ausgearbeitet und im März 2015 im Journal of Natural Hazards and Earth System Sciences veröffentlicht.

Nach dem Erdbeben der Stärke 7,8 am 25. April 2015 in Nepal mit katastrophalen Folgen, beobachten die Wissenschaftler des CEDIM und des SAI die Situation in Kathmandu und werden ihr Modell anhand der in Kathmandu entstehenden Notunterkünfte überprüfen.

Das Modell, welches auf unterschiedlich gewichteten Indikatoren aufbaut, bewertet existierende Freiflächen im Hinblick auf ihre Kapazität, Versorgungsmöglichkeiten und Anbindung an Infrastrukturen und das Straßennetz sowie im Hinblick auf ihre Umweltbedingungen. Es kombiniert diese Kriterien für eine ganzheitliche Risikobewertung nach Naturkatastrophen. Zusätzlich zieht der Index mögliche physikalische Schäden an Infrastrukturen in Betracht und berücksichtigt die sozialen Verhältnisse verschiedener betroffener Personengruppen. Die Methode zielt auf die Vorsorge-Planung zur besseren Katastrophenbewältigung und ermöglicht die optimale Nutzung von Freiflächen zum Aufbau von Notunterkünften. Dies ermöglicht im Ereignisfall Hilfsorganisationen, die am besten geeigneten Räume schnell zu identifizieren, um die erforderlichen Hilfs- und Schutzmaßnahmen unverzüglich einleiten zu können.

Mögliche Gründe dafür, dass Menschen nach einem Erdbeben schnell sichere Notunterkünfte benötigen, sind die Zerstörung von Gebäuden, mangelnde Strom-/Wasserversorgung oder andere Gründe, die ein Gebäude unbewohnbar machen. Auch sozio-ökonomische Aspekte der Betroffenen spielen eine Rolle, ob Betroffene auf Notunterkünfte angewiesen sind.

Eine Grundlage der Notunterkunfts-Kapazitätsanalyse ist ein von Bijan Khazai vom KIT entwickeltes Modell. Der Bedarf errechnet sich aus der Anzahl der Menschen in unbewohnbar gewordenen oder zerstörten Gebäuden sowie weiteren Faktoren, die Menschen dazu veranlassen, Notunterkünfte aufzusuchen. Hierbei wird unter anderem der Anteil der Wohnbevölkerung berücksichtigt, welcher in Kathmandu fest verwurzelt ist und Wohneigentum hat. Da in Kathmandu 35% der Bevölkerung über 5 Jahre aus dem Umland in die Stadt eingewandert ist, wird auch berücksichtigt wie wahrscheinlich eine (kurzfristige) Abwanderung wäre.

Das Szenario auf welches die Forscher das Modell angewendet haben, ging davon aus, dass bei einem Erdbeben der Stärke 8,0 50% der Gebäude im Kathmandu-Tal teilweise oder vollständig zerstört würden. Demzufolge müsstem etwa 342.300 Menschen in Notunterkünften untergebracht werden. Die mit dem Modell errechnete Kapazität würde jedoch nur Platz für 253.900 Menschen bieten.

Zwar ist das Ausmaß des tatsächlich eingetretenen Schadens durch das Erdbeben am 25. April 2015 noch nicht vollständig bekannt, jedoch scheinen die Schäden in Kathmandu deutlich unterhalb der als Planungsgrundlage verwendeten Annahme von 50% zerstörter Gebäude zu liegen. Insbesondere die neueren Gebäude scheinen dem Beben besser Stand gehalten zu haben. Jedoch wurden insbesondere ältere Gebäude, Lehmhäuser und Ziegelgebäude schwer geschädigt. Dies geht auch aus einem Bericht von CEDIM hervor.

Erfahrungen auch von anderen Erdbeben in ähnlichen Regionen z.B. in Gujarat (Indien) und Pakistan zeigen, dass Menschen zumeist Notunterkünfte in ihrer unmittelbaren Nähe aufsuchen oder errichten. In Kathmandu haben auch Menschen deren Häuser nicht durch das Erdbeben am 25. April 2015 zerstört oder beschädigt wurden, trotz heftiger Regenfälle lieber in Zelten und anderen Notunterkünften übernachtet, da die Angst vor Nachbeben sehr groß war. Obwohl kleinere Freiflächen und Schulen oftmals nur schwer verwaltet werden können, wurden diese häufig als Notunterkünfte genutzt, während größere Freiflächen zuerst nur selten benutzt wurden, da hier die Versorgungslage zu Beginn schlechter war.

Die aktuelle Entwicklung, auf welchen Freiflächen in Kathmandu Notunterkünfte entstehen, wird im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen dem KIT und der Universität Heidelberg kartografisch erfasst (CrisisMapping) und analysiert. Die Beobachtungen fließen in ein gemeinschaftliches Projekt (Humanitäre OpenStreetMap Community), welches mit lokalen Partnern in Kathmandu umgesetzt wird ein, um die Versorgungslage und Zugänglichkeit von Notunterkünften erfassen zu können und die Hilfsmaßnahmen besser steuern zu können.

Literaturhinweis:
Anhorn, J. and Khazai, B.: Open space suitability analysis for emergency shelter after an earthquake, Nat. Hazards Earth Syst. Sci., 15, 789-803, doi:10.5194/nhess-15-789-2015, 2015.

Das Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology, CEDIM, ist eine interdisziplinäre Forschungseinrichtung des Deutschen GeoForschungsZentrums (GFZ) und des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).