Sekundäre Rohstoffquellen: Altlast, Rohstoff oder kulturelles Erbe?

Können strategische Rohstoffe auch aus alten Bergbauhalden gewonnen werden? Die Nutzung sekundärer Rohstoffquellen könnte die Umweltbelastungen, die mit dem Bergbau einhergehen, minimieren. Eine entscheidende Voraussetzung für die Nutzung dieser Potentiale sind gesellschaftliche Interpretationsprozesse.

Die Umweltwirkungen des Bergbaus sind in der Regel immens. Der Abbau von Rohstoffen kann langanhaltende und schwerwiegende Folgen für die Qualität von Grundwasser, Gewässern und Boden sowie die menschliche Gesundheit haben. Abraumhalden, Tailings und Industrieabfälle bleiben nach Beendigung des Bergbaus zurück und stellen häufig schleichende Katastrophen für Umwelt und Gesundheit dar (Bleicher und Groß 2011). Eine weitere Nutzung ist in der Regel nicht vorgesehen, bestenfalls werden Maßnahmen ergriffen, um die für Umwelt und Mensch bestehende Gefahr zu unterbinden (Büttner et al. 2018).

Gleichwohl entstand in den vergangenen Jahren eine neue Aufmerksamkeit für diese Rückstände. In Wissenschaft und Politik werden sie als anthropogene Rohstofflagerstätten wahrgenommen (z.B. Winterstetter et al. 2015, Barteková und Kemp 2016, Burlakovs et al. 2017). Denn eine zentrale Strategie der Rohstoffpolitik zur Sicherung der Versorgung der Industrie mit wichtigen mineralischen Rohstoffen und Metallen ist die Diversifizierung der Rohstoffquellen (European Commission 2014, BMUB 2016). Daher gehen in Deutschland verschiedene Forschungsprojekte der Frage nach, wie Mineralien wie Indium, Gallium oder Kobalt aus Bergbaurückständen gewonnen werden können (z.B. Dürkoop et al. 2016, BMBF 2017).

Lagerstätten sind nicht, sondern werden gemacht

Geographische, anthropologische und ethnologische Forschungen zu Bergbau betonen seit langem, dass geologische Lagerstätten nicht per se existieren, sondern ein Ergebnis menschlicher Vorstellungskraft und Arbeit sind: „‘Natürliche‘ Ressourcen existieren nicht einfach in der physischen Umwelt, darauf wartend, einfach genutzt zu werden, sondern sind ein Produkt der menschlichen Vorstellungskraft und Arbeit in spezifischen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontexten; Ressourcen existieren nicht, sondern werden geschaffen“ (Smith und Tidwell 2016, p. 330, eigene Übersetzung). Ob eine Konzentration bestimmter Elemente als Lagerstätte wahrgenommen wird, hängt also beispielsweise davon ab, welche Elemente und Mineralien gerade von der Industrie nachgefragt sind, ob sich Investoren finden, ob die identifizierte Konzentration in Gebieten mit besonderem Schutzstatus liegt, ob die gesellschaftspolitische Situation in einem Land den Abbau zulässt oder ob die notwendige Infrastruktur für den Betrieb einer Mine gegeben ist.  

Das Verständnis, dass Lagerstätten nicht einfach existieren und auf ihre Entdeckung warten, lässt sich auch auf anthropogene Lagerstätten übertragen. Ganz in diesem Sinne titelte die Goslarsche Zeitung „Bergeteiche am Bollrich: Aus Altlast wird Rohstoff“ (13.5.2015). Als wertlos und als Belastung wahrgenommene Altlasten jetzt als potenziell wertvolle Ressource zu verstehen, ist das Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse der Neuinterpretation. Bester Ausdruck dieser Interpretation ist die Tatsache, dass bei ähnlicher Ausgangslage – beispielsweise dem Vorhandensein von Bergbaurückständen oder ein nachweisbares Potenzial relevanter Rohstoffe – nicht in jeder Region Bergbauhalden als Lagerstätte wertvoller Rohstoffe gesehen werden.

Gesellschaftliche Prozesse der Neuinterpretation verstehen

Mit Hilfe des Konzepts sogenannter Deutungsmuster kann erklärt werden, warum Bergbaurückstände in einigen Regionen als wertvoller Rohstoff (neu-)interpretiert werden und in anderen nicht. Deutungsmuster werden verstanden als ein gesellschaftlich geteiltes Verständnis davon, wie eine Sache zu interpretieren ist – in diesem Fall Bergbaurückstände. Diese geteilten Interpretationen  ermöglichen es Individuen, ihre Erfahrungen in bekannten Kategorien zu ordnen; sie definieren Zuständigkeiten, sind Grundlage für Entscheidungen und für das Mobilisieren von Ressourcen (z.B. Wissen, Finanzen) (Goffman 1974, Benford and Snow 2000). Für eine Sache können gleichzeitig verschiedene Deutungsrahmen oder Interpretationen existieren: Die Bergbauhalde kann im gleichen Moment als Altlast, als Rohstoffquelle oder als kulturelles Erbe verstanden werden. Je nach Verständnis sind bestimmte Handlungsoptionen möglich und nötig.

Ein Beispiel: Die Einordnung einer Ablagerung als Altlast macht Maßnahmen zur Gefahrenabwehr nötig (z.B. eine Abdeckung). Eine Halde hingegen als Rohstoffquelle zu verstehen, legt ihren Abbau nahe. In der Regel ist ein Deutungsrahmen dominant, das bedeutet, er ist attraktiv für ein breiteres Publikum. Dominant wäre demnach die Interpretation einer Bergbauhalde als Rohstoffquelle dann, wenn viele Akteure einer Region dieses Verständnis teilen. Die Forschung zu strategischen Handlungsrahmen hat gezeigt, dass die Dominanz eines Rahmens von seiner kulturellen Resonanz (Überzeugungskraft) bestimmt wird (Gamson 1992, Benford and Snow 2000). Das bedeutet, ein Rahmen ist umso attraktiver und überzeugender, je besser er die kulturellen Erfahrungen – zum Beispiel Erzählungen, Metaphern, Alltagserfahrungen – des Zielpublikums trifft (Guo et al. 2012, Gamson 1992, Van Gorp 2007).

Auf Grundlage eines Vergleichs von zwei Fallstudienregionen konnten drei Merkmale herausgearbeitet werden, die die kulturelle Resonanz (Überzeugungskraft) der Interpretation von Bergbaurückständen als ‚wertvollen Rohstoff‘ stärken bzw. schwächen: die Glaubwürdigkeit von Akteuren, die Einbettung der sekundären Lagerstätten in die lokale Geschichte sowie die Passfähigkeit der individuellen Alltagserfahrungen.

Glaubwürdige Akteure

Die Überzeugungskraft der Interpretation von Bergbaurückständen als ‚wertvoller Rohstoff‘ wird durch die Glaubwürdigkeit der Akteure beeinflusst, die sie vorbringen. Zurzeit sind das in Deutschland in erster Linie Wissenschaftler*innen. Es lässt sich feststellen, dass ihre Glaubwürdigkeit durch ihre fachliche Expertise und langjährige Forschungserfahrung in der Rohstoffgewinnung entscheidend mitbestimmt wird.  

Darüber hinaus ist es wichtig, dass die Handlungen der Forscher*innen als integer wahrgenommen werden. Kommen Zweifel an der Expertise derer auf, die Bergbauhalden als Rohstoff verstehen wirken ihre Handlungen und Entscheidungen widersprüchlich, oder sind sie gar mit Skandalen verbunden, dann gehen Glaubwürdigkeit und Vertrauen schnell verloren. Beispiele hierfür sind unhaltbare Versprechen auf Arbeitsplätze in Folge von Forschungsprojekten oder aber ein schlechtes Management von Schadstoffaustritten in den Bergbauhalden.

Einbettung der sekundären Lagerstätte in die lokale Geschichte

Ein weiterer Punkt ist die Passfähigkeit der Interpretation mit kulturellen Erzählungen, insbesondere der lokalen Geschichtsschreibung. Gelingt es, die Idee einer Rohstoffgewinnung aus Halden mit vergangenen Entwicklungen derart zu verknüpfen, dass sich eine konsistente Erzählung ergibt, die zudem positiv wahrgenommen wird, wirkt die Interpretation überzeugender. Die Darstellung des Haldenrecyclings als logische Fortführung einer langen Bergbautradition wäre eine solche kulturelle Erzählung, die einen verstärkenden Effekt für die Idee der Rohstoffgewinnung hat. Das Haldenrecycling als eine Aktivität, die zu weiterer Umweltverschmutzung führt, knüpft auch an der Bergbaugeschichte an, erzeugt aber negative Bilder und ruft entsprechende Erinnerungen hervor. In dieser Lesart wirkt es wenig überzeugend und attraktiv, eine Halde als Rohstofflagerstätte zu verstehen. Logischer erscheint es dann, in den Halden gefährliche Altlasten zu sehen.

Chancen für die Rohstoffgewinnung

Die Gewinnung von Hochtechnologiemetallen aus ehemaligen Bergbauhalden kann eine Strategie zur Diversifizierung von Rohstoffquellen und zur Verminderung der Nutzung primärer Materialien sein. Gleichzeitig könnten auf diese Weise Umweltlasten der Vergangenheit beseitigt werden, so zumindest das Ziel einiger aktueller Forschungsvorhaben ( z.B. Büttner et al. 2018). Ob sich diese neuen Lagerstätten tatsächlich erschließen lassen, hängt nicht allein vom Rohstoffpreis, vom Rohstoffgehalt, der vorhandenen Infrastruktur oder Gewinnungstechnologien ab, sondern im Wesentlichen auch davon, ob genügend Akteure das Verständnis einer Bergbauhalde als Lagerstätte ‚wertvoller Rohstoffe‘ teilen. Wie überzeugend die Idee ist, Bergbauhalden als Rohstoffquelle zu verstehen, wird von kulturellen Faktoren beeinflusst, die je nach Region sehr unterschiedlich wirken können. Das hilft zu verstehen, warum trotz ähnlicher Ausgangslage nicht in jeder Region die Gewinnung strategischer Metalle aus Bergbauhalden möglich sein wird. Die Analyse kontroverser Interpretationen und das Verständnis der Dynamiken kann Grundlage für eine nachhaltige und verantwortliche Rohstoffgewinnung aus Bergbauhalden sein.

Text: Dr. Alena Bleicher, Dr. Martin David, Henriette Rutjes (UFZ)

Quellen

  Barteková, E., Kemp R., 2016: Critical raw material strategies in different world regions. UNU-MERIT Working Papers, Maastricht.

  Benford, R. D., Snow D. A., 2000. Framing Processes and Social Movements: An overview and assessment. Annual Review of Sociology 26, 611-639. doi.org/10.1146/annurev.soc.26.1.611.

  Bleicher, A., Gross, M., 2011. Response and Recovery in the Remediation of Contaminated Land in Eastern Germany. Dowty, R. A., Allen. B., (eds.) Dynamics of Disaster: Lessons on Risk, Response and Recovery. Earthscan, London, 187-202.

  BMBF – Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2017. Theisenschlamm: Aus dem Staub der Kupferverhüttung kehren wertvolle Metalle zurück. Available online: www.r4-innovation.de/de/theisen.html, (accessed 08.03.2018).

  BMUB – Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, 2016. Deutsches Ressourceneffizienzprogramm II, Programm zur nachhaltigen Nutzung und zum Schutz der natürlichen Ressourcen. Available online: www.bmub.bund.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Broschueren/progress_ii_broschuere_bf.pdf, (accessed 08.03.2018).

  Burlakovs, J., Kriipsalu, M., Klavins, M., Bhatnagar, A., Vincevica-Gaile, Z., Stenis, J., Jani, Y., Mykhaylenko, V., Denafas, G., Turkadze, T., Hogland, M., Rudovica, V., Kaczala, F., Rosendal, R. M., Hogland, W., 2017. Paradigms on landfill mining: From dump site scavenging to ecosystem services revitalization. Resources, Conservation and Recycling 123, 73-8. doi.org/10.1016/j.resconrec.2016.07.007.

  Büttner, P., Osbahr, I., Zimmermann, R., Leißner, T., Satge, L., Gutzmer, J., 2018. Recovery potential of flotation tailings assessed by spatial modelling of automated mineralogy data. Minerals Engineering 116, 143-151. doi.org/10.1016/j.mineng.2017.09.008

  Dürkoop, A., Brandstetter, C.P.,  Gräbe, G. Rentsch, L. (Hrsg.) 2016: Innovative Technologien für Ressourceneffizienz – Strategische Metalle und Mineralien. Ergebnisse der r³-Fördermaßnahme. Fraunhofer Verlag, Stuttgart.

  European Commission, 2014. Critical raw materials for the EU. Report of the Ad-hoc Working Group on defining critical raw materials. Available online: ec.europa.eu/DocsRoom/documents/10010/attachments/1/translations/en/renditions/native, (accessed 08.03.2018).

  Gamson, W. A., 1992. Talking Politics. Cambridge Univ. Press, New York.

  Goffman, E., 1974. Frame Analysis: An Essay on the Organization of Experience. Harvard University Press, Cambridge.

  Guo, L., Holton, A., Jeong, S. H., 2012. Transnational Comparative Framing: A Model for an Emerging Framing Approach. International Journal of Communication 6, 1918–1941.

  Smith, J. M., Tidwell, A. S. D., 2016. The everyday lives of energy transitions: Contested sociotechnical imaginaries in the American West. Social Studies of Science 46 (3), 327–350. doi.org/10.1177/0306312716644534.

  Van Gorp, B., 2007. The Constructionist Approach to Framing: Bringing Culture Back. Journal of Communication, 57(1), 60-78. http://doi.org/10.1111/j.1460-2466.2006.00329.x.

  Winterstetter, A., Laner, D., Rechberger, H., Fellner, J., 2015. Framework for the evaluation of anthropogenic resources: A landfill mining case study – Resource or reserve? Resources, Conservation and Recycling 96, 19-30. https://doi.org/10.1016/j.resconrec.2015.01.004.

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